Aufstehen lernen: Javairo Dilrosun macht das passende Gesicht zur heftigen Niederlage gegen den FC Bayern.
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BerlinAls Schiedsrichter Tobias Stieler, 38, am Sonntagabend das Duell zwischen Hertha BSC und dem FC Bayern abgepfiffen hatte, feierten die Münchner Profis ausgelassen mit ihren zahlreichen Fans unter den mit 74.667 Zuschauern ausverkauften Olympiastadion. Das Gegenprogramm fand in der Ostkurve statt. Herthas Spieler trabten niedergeschlagen in Richtung ihrer treuesten Anhängerschaft, wagten sich aber nicht über die blaue Tartanbahn hinaus, weil sie nicht wussten, wie die Reaktion nach der 0:4-Niederlage ausfallen würde. Die Stimmung blieb ruhig und gedämpft, die Kurve hatte sich schnell geleert.

Es war für die Berliner schwierig, Spiel und Resultat einzuordnen in die laufende Saison. War es ein herber Rückschlag auf dem vor Weihnachten vorsichtig eingeschlagenen Weg Richtung gesichertes Mittelfeld? Waren die Bayern eine, gar zwei Nummern zu groß für Hertha BSC?

Hertha BSC sollte hochtrabende Pläne zurückstellen

Fakt ist, Hertha steckt mitten im Abstiegskampf und sollte die Pläne, die schon in der nächsten Saison in Richtung Europa League führen sollen, zumindest öffentlich zurückstellen. Oft wird allerdings vergessen, dass Klinsmann stets betont hatte, das es „erstmal einzig und allein um den Klassenerhalt geht“. Und das man dafür sehr hart arbeiten muss.

Der Trainer fing auch unmittelbar nach Spielende mit der Aufbauarbeit an, die seine Spieler betrifft. „Ich habe gleich in der Kabine gesagt: ,Männer, das 0:4 braucht ihr euch gar nicht in die Köpfe bringen lassen. Das passiert. Man kann gegen Bayern verlieren'.“ Davon berichtete Klinsmann am Montag. Auch davon, dass er seinen Profis sagte, dass man die dringend nötigen Punkte vor allem gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte und aus dem Mittelfeld holen müsse.

Dennoch hatten sie sich bei Hertha etwas mehr erwartet im Duell gegen die Bayern, einen Punkt gegen den Favoriten hätte etwa der Trainer „mega“ gefunden. Zwar hielt die Mannschaft dann auch defensiv eine Stunde lang sehr gut mit, setzte zudem einige kleine Nadelstiche, „aber ich hätte mir natürlich etwas mehr Giftigkeit gewünscht“, gab Klinsmann am Tag nach der Niederlage zu. „Wir haben auf einige Konter spekuliert und gehofft, dass ein Ding reingeht. Im Moment hat das Resultat schon gewurmt.“

Das 0:4 war nämlich die höchste Heimniederlage von Hertha gegen den FC Bayern seit einem 0:6 am 17. März 2012. Zwei Monate später stieg Berlin damals nach den Relegationsspielen gegen Fortuna Düsseldorf (1:2; 2:2) ab.

Es gab auch andere Zeiten, die gar nicht so lange zurückliegen, als unter dem Trainer Pal Dardai im Olympiastadion den Bayern das Leben schwerer gemacht worden war als nun zum Start der Rückrunde. Im Februar 2019 unterlag Hertha BSC im DFB-Pokal dramatisch 2:3 nach Verlängerung erst, und in der Liga wurden die Bayern im September 2018 gar mit 2:0 bezwungen. Damals stimmte die Balance zwischen Defensive und Offensive besser. Das war ein Unterschied zu heute.

Es gab keine Phase, in der wir zittern mussten.

Thomas Müller

Klinsmann aber hat auch ein schweres Erbe nach dem erfolglosen Intermezzo von Trainer Ante Covic angetreten und Ende November eine stark verunsicherte Mannschaft vorgefunden, deren Hierarchie er gerade heftig verändert. Bayerns Thomas Müller, dem ein Treffer und ein Assist gelang, sagte später: „Es gab keine Phase, in der wir zittern mussten.“ Das spricht nicht für den Gastgeber.

Der Trainer fordert nun, dass sich die Mannschaft mehr zutrauen, mehr Torgefahr ausstrahlen muss. Gegen Bayern mussten die beiden schnellen Angreifer auf den Außenbahnen, Javairo Dilrosun und Dodi Lukebakio auch viel Defensivarbeit leisten, weil der Druck der Münchner immer stärker wurde. Klinsmann will, dass „wir Tore auch mal erzwingen müssen“. Der 55-Jährige meinte auch eine Szene beim Stand von 0:4, als der eingewechselte Pascal Köpke eine große Chance vergab, das Resultat etwas freundlicher zu gestalten.

Es scheint aber, als ob das positive Denken, dass Klinsmann jeden Tag vorlebt, auch seine Profis immer mehr verinnerlichen. So sagte etwa Kapitän Marvin Plattenhardt: „0:4 hört sich blöd an und ist hoch. Aber das müssen wir abhaken und das können wir verkraften.“ Lukas Klünter machte sich und den Seinen Hoffnung: „Zwei Drittel des Spiels haben wir gut umgesetzt, was wir wollten. Man hat gesehen, wir können es.“ Klünter hatte den Elfmeter verursacht. Klinsmann: „Das war der Knackpunkt im Spiel. Bei diesem Elfer haben wir den Kopf geschüttelt. Solch einen Strafstoß möchten wir auch gern mal bekommen.“

Klinsmann deutete am Montag an, dass Manager Michael Preetz weiter auf dem Transfermarkt unterwegs ist „Micha ist am Arbeiten. Es geht dabei um Qualitätsverbesserung. Wenn wir etwas finden im offensiven Bereich, würde uns das enorm helfen.“ Mehr Gift wird gesucht, dennoch: „Unser Kader ist gut genug, um die Klasse zu halten.“ Die Mission Klassenerhalt sieht der Trainer nach dem Rückschlag gegen die Bayern nicht in Gefahr. „Das ist keine einfache Situation. Wir ziehen uns da hoch, davon bin ich überzeugt. Aber das ist ein Prozess, der auch nervenaufreibend für viele ist.“