Berlin - Hertha BSC hat einiges zu bieten an Kuriositäten in Sachen Cheftrainer. So ging der berühmte Fußballlehrer Dettmar Cramer, heute 86, im Jahr 1974 als „Trainer für einen Tag“ in die Vereinshistorie ein, weil er seinen Vertrag nach dem ersten Training wieder auflöste. Die exakten Gründe sind bis heute nicht vollends aufgeklärt. Viele Jahre später entließ der damalige Aufsichtsratschef Robert Schwan den populären Aufstiegstrainer Jürgen Röber im April 1998 noch auf der Tribüne des Münchner Olympiastadions vor laufenden Fernsehkameras („Der fliegt, aber sofort und achtkantig“) – Röber aber blieb wegen des Widerstands von Manager und Präsidium bis 2002 Herthas Coach. Gerade hält wieder ein Trainer den gesamten Klub in Atem: Markus Babbel.

Doch dieses Mal ist die Geschichte umgekehrt. Hertha will den Trainer nicht loswerden, wirbt stattdessen seit Wochen offensiv um die Weiterbeschäftigung des Europameisters von 1996. Der aber leistet sich den Luxus, als wohl erster Trainer bei Hertha nach einer erfolgreichen Saison das Angebot auf eine gemeinsame Zukunft auszuschlagen oder zumindest über Gebühr an einer Perspektive in Berlin zu zweifeln.

Seit Wochen Hickhack

Seit Wochen geht das Hickhack − bleibt er über die Vertragsdauer bis Juni 2012 in Berlin oder nicht? −, und das belastet das einst so blendende Verhältnis zu Manager Michael Preetz und das zur Vereinsführung schwer. Es ist legitim, dass ein Trainer ein Angebot ordentlich prüft und sich Zeit nimmt, aber die endlose Hinhaltetaktik Babbels kann und wird Hertha nicht länger tolerieren. Das auf der Mitgliederversammlung Ende November vom Manager geöffnete Zeitfenster („bis zum Rückrundenstart ist eine Entscheidung gefallen“) will der verunsicherte Verein nicht aufrechterhalten. Babbel, der heute nach zwei Tagen Pause wieder ein Training leitet, soll sich erklären. Sofort.
„Der Berliner ist laut, redet viel“

Ein Trainer, der sich mit Bauch und Verstand für Hertha entscheiden will, benimmt sich anders als der gebürtige Münchner. Seine Entscheidung könnte bald egal sein. Preetz sieht sich zum Bittsteller degradiert. Es scheint nur noch darum zu gehen, die anstehende Trennung von Babbel schon im Winter so zu moderieren, dass kein größerer sportlicher Schaden entsteht.
Warum sich der einst so beliebte Trainer so verhält, ist unklar. Er hat die Medienstadt Berlin mit ihrer Aufgeregtheit unterschätzt, auch die Wirkungen einiger seiner saloppen Aussagen („Der Berliner ist laut, redet viel, will viel – aber getan wird oft erst mal wenig“). Und, so scheint es, Babbel überschätzt sich vielleicht als Trainer, der erst auf seiner zweiten Station arbeitet. Befeuert wurde das durch Lobeshymnen von Franz Beckenbauer („Der stößt mal in die Klopp-Dynastie“) oder von Ottmar Hitzfeld („Er macht einen sehr guten Job“). Babbel will Titel gewinnen, so wie einst als Profi.

Bei der finanziell klammen Hertha sind die erst einmal nicht in Sicht. Der Verein nimmt dem Trainer übel, dass in der aufgeregten Debatte um ihn kaum ein lobendes Wort über Hertha fällt. Dabei hatte ihm der Klub die Chance gegeben, nach seiner Entlassung beim VfB Stuttgart schnell in den Job zurückzukehren. Zudem wurde ihm mit einem finanziellen Kraftakt eine erstligataugliche Mannschaft zur Verfügung gestellt. Längst gilt er als undankbar. Es ist schade, dass ein hoffnungsvolles Experiment (junger Trainer mit Reputation und Charisma führt eine Mannschaft stetig nach oben) aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald beendet sein wird.