Dodi Lukebakio sorgte für die Entscheidung.
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WolfsburgOb dieser Sieg nun verdient oder unverdient ist, Jürgen Klinsmann und seinen Spielern dürfte dies letztlich doch ziemlich egal sein. Hertha BSC hat sich dank des späten Treffers von Dodi Lukebakio zum 2:1 beim VfL Wolfsburg jedenfalls aus einer ganz misslichen Situation befreit, ist trotz eines dürftigen Auftritts zu einem Sieg gekommen, der eines Tages womöglich als Schlüsselsieg bewertet wird.

Der Belgier traf per Hinterkopf in der 89. Minute, nachdem er nur wenige Minuten zuvor noch an Wolfsburgs Keeper Koen Casteels aus Nahdistanz gescheitert war. Vom Pechvogel zum Matchwinner innerhalb von drei Minuten, vom Krisenklub zum Klub mit neuer Hoffnung innerhalb von drei Minuten, vom Krisen-Klinsi zum Cheftrainer mit Wirkung. Der Fußball kann manchmal doch ganz schön verrückt sein. Mit 22 Punkten ist die Hertha nur noch zwei Punkte von Wolfsburg entfernt, hat Anschluss gewonnen, obwohl es lange Zeit eher nach einer Niederlage denn nach einem Erfolg ausgesehen hatte.

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Hertha-Elf auf vier Positionen geändert

Klinsmann hatte seine Mannschaft gegenüber dem 0:4 gegen die Bayern auf vier Positionen geändert. Zum einen aus freien Stücken, wie das bei Linksverteidiger Maxi Mittelstädt (für Linksverteidiger Marvin Plattenhardt) und Außenstürmer Marius Wolf (für Stoßstürmer Davie Selke) der Fall war. Zum anderen zwangsweise, weil Dedryck Boyata (Gelbsperre) und kurzfristig auch Vladimir Darida (Erkältung) ersetzt werden mussten. Für die beiden kamen Niklas Stark und Per Skjelbred in die Partie, Stark in Innenverteidigung an der Seite von Jordan Torunarigha, Skjelbred im defensiven Mittelfeld, wo er in Zusammenarbeit mit Winterzugang Santiago Ascacibar vor allem für eins sorgen sollte: Stabilität.

Erstaunlicherweise hatte Klinsmann nach den Erfahrungen aus dem Bayern-Spiel nämlich auch für den Ausflug an den Mittellandkanal einen zuvorderst auf die Defensive ausgerichteten Matchplan erarbeitet.

VfL Wolfsburg: Nicht mehr als Mittelmaß

Das war in den Anfangsminuten augenscheinlich, als die Gastgeber ohne allzu großen Energieeinsatz eine Feldüberlegenheit erzielten, aber daraus keinen Profit schlagen konnten. Schon in dieser Phase deutete sich an, dass die Wolfsburger eben auch nicht genug Qualität haben, um mehr zu sein als Mittelmaß. So konnte Hertha-Keeper Rune Jarstein sein Aufwärmprogramm über den Anpfiff hinweg fortsetzen. Da ein Flänkchen, dort ein Schüsschen, eigentlich musste der Norweger in Hälfte eins nur zweimal so richtig aufgeregt sein. Nämlich in der 38. Minute, als er einen Abschluss von Wolfsburgs Kapitän Joshua Guilavogui mit dem Knie abwehrte. Und in der 41. Minute, als Maximilian Arnold aus 25 Metern abzog, der Ball an Jarstein, aber letztlich auch am Tor vorbeiflog.

Die gefährlichste Hertha-Aktion

Andererseits waren mit Lukebakio, Wolf, Javairo Dilrosun und Marko Grujic bei Hertha vier Spieler in der Anfangsformation zu finden, die gar nicht anders können, als nach vorne zu denken und zu spielen. Einer wie Lukebakio nimmt von Natur aus Tempo auf, wenn sich ein Raum öffnet. Und auch Wolf zieht instinktiv vor Gegners Tor, wenn einer seiner Mitspieler einen Flankenlauf startet. In Kooperation brachten die beiden dann auch die gefährlichste Hertha-Aktion zustande, Wolf allerdings war bei Lukebakios Vorlage in Minute 13 nicht cool genug, um das die Führung für sein Team zu erzielen. Dilrosun wiederum mangelte es an einer entsprechenden Schusstechnik, um in der 27. Minute das Tor anstatt den Zaun vor der Fankurve des VfL zu treffen.

Mühsam war das aber letztlich alles, da wie dort, sodass es nicht verwundern konnte, dass der Vortrag von den Zuschauern beim Halbzeitpfiff mit Pfiffen quittiert wurde. Bei aller Sehnsucht nach dem Spektakel werden Mannschaften wie Wolfsburg und Hertha eben gern mal von der Angst vor dem Absturz bewegt. So war auch Teil 2 dieser Begegnung alles andere als attraktiv. Die Pässe zu ungenau, die Flankenbälle zu kurz oder zu lang. Ein Dribbling ins Nichts, ein Zusammenprall mit dem Mitspieler hier, eine Kopfballabwehr, die beim Gegner landet, hier. Ja, nur wer sich am garstigen Zweikampf erfreut, kam auf seine Kosten. Und ab einem gewissen Punkt kam einem der gemeine Gedanke in den Sinn, dass dieses Spiel doch eigentlich kein Tor verdient hat.

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Witz von Weghorst

Aber siehe da: Die enttäuschten Zuschauer wurden doch noch ein wenig versöhnt. Auf der einen Seite durch den kleinen Witz von Wout Weghorst, der bei einer Flanke von Admir Mehmedi so tat, als würde er zum Ball gehen, aber ebendiesen passieren ließ, sodass Jarstein überrascht und die Wolfsburger plötzlich obenauf waren (68.). Auf der anderen Seite durch Torunarigha, der mit seinem Kopfballtreffer nach einem von Mittelstädt getretenen Eckball die Basis für den ganz großen Glücksmoment durch Lukebakio legte (74.).

„Heute war entscheidend, dass wir nicht nachgegeben haben. Und dass wir eigentlich immer kompakt standen. Fußball spielen können wir wieder, wenn wir genügend Punkte gesammelt haben“, sagte Niklas Stark. Ein bisschen mehr Fußball darf es aber auch schon am nächsten Freitag im Heimspiel gegen Schalke sein.