Der Fußball kann vieles. Sogar bei Hertha BSC. „Er kann alles in die Positivität mitreißen, aber auch ins Negative“, sagte Herthas Sportchef Fredi Bobic am Tag nach dem rauschenden Relegationsabend, an dem sich die Berliner durch einen 2:0-Sieg über den Hamburger SV in der Ersten Liga gehalten hatten. Am Tag, nachdem die Hertha-Profis „richtigen Männerfußball gespielt haben“, wie Bobic fand. Knapp 60.000 Menschen im Hamburger Volksparkstadion und mehr als elf Millionen Fernsehzuschauer – allein bei Sat.1 am Montagabend – sahen, was Fußball kann, wenn er von einem Team gespielt wird, das diesen Namen verdient.

Verwirrung um Präsident Werner Gegenbauer

Was der Fußball nicht kann, ist die Außenkommunikation eines Vereins zu steuern. Ganz besonders nicht bei Hertha BSC. Denn was waren die Neuigkeiten am Tag nach dem großen Aufatmen? Klub-Präsident Werner Gegenbauer tritt zurück! Oder doch nicht? Erst bei der Präsidiumssitzung am Mittwoch? Er könne zu den Rücktrittsgerüchten um Werner Gegenbauer nichts sagen, sagte Bobic am Dienstag kurz nach 13 Uhr, „das entscheidet Werner Gegenbauer selbst. Er ist unser Präsident – aktuell.“ Um 18.05 Uhr veröffentlichte der Klub dann Gegenbauers Rücktritts-Statement: „Hertha BSC steht auf einem guten Fundament. Aber es gibt Momente für Neuanfänge. Und ich denke und spüre, dass heute ein solcher Moment gekommen ist. Mit meinem Entschluss möchte ich einen Neuanfang für die Zukunft von Hertha BSC einleiten“, heißt es da.

Zuerst hatte Die WirtschaftsWoche den Rücktritt vermeldet, den der Berliner Unternehmer dem Blatt bestätigt haben soll. Er werde am Sonntag bei der Mitgliederversammlung nicht erneut kandidieren, heißt es in der Wirtschaftszeitschrift. Eine vage Aussage, denn es stehen keine Präsidiumswahlen an, da das Gremium bis 2024 gewählt ist.

Wahlen gibt es am 29. Mai nur zum Aufsichtsrat, der im Moment aus fünf Persönlichkeiten besteht. Es heißt, dass der Aufsichtsrat Gegenbauer den Rücktritt nahegelegt habe. Vielleicht auch, weil Investor Lars Windhorst angekündigt hatte, nur für den Fall neues Geld in den Verein zu pumpen, dass Gegenbauer nicht Präsident bleibt? „Ich möchte ausdrücklich klarstellen, dass die momentanen Unstimmigkeiten mit unserem Investor bei meiner Entscheidung keine Rolle gespielt haben. Diese Auseinandersetzung ist nie eine persönliche gewesen. Es ist eine Kontroverse zwischen Hertha BSC und der Tennor Holding“, lässt Gegenbauer wissen.

Für die Mitgliederversammlung lagen mehrere Abwahlanträge gegen Gegenbauer und gegen das komplette siebenköpfige Präsidium vor. „Ich denke, dass Gegenbauer seinen Exit gesichtswahrend vorwegnimmt und zurücktritt, weil er eine Quasi-Abwahl nicht über sich ergehen lassen will“, meint Kay Bernstein. Er hat als Kopf der Initiative „Wir Herthaner“ das Ziel, Gegenbauer als Präsident abzulösen. Gleichzeitig fordert er „eine vernünftige Abschiedskultur“ und fragt: „Wen haben wir in den letzten 20 Jahren nicht alles vom Hof gejagt?“ Gegenbauer habe stark angefangen und dann stark nachgelassen. „Aber seine Verdienste müssten fair gewürdigt werden.“

Gegenbauer, 71, Unternehmer im Gebäude-und Facility-Management mit einem Umsatz von 787,5 Millionen Euro (2020) strebte 2008 ins Präsidentenamt, das ihm nach einer Satzungsänderung mehr Macht bescherte. Dabei tauschte er die Position mit Medienmanager Bernd Schiphorst, der sein Präsidentenamt aufgab und Gegenbauers Vorsitz im Aufsichtsrat übernahm.

2008 wurde Gegenbauer mit 77,8 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. Es folgte nach einem Richtungsstreit 2009 die Trennung von Manager Dieter Hoeneß. Gegenbauer wollte den Verein fortan mit ruhiger Hand und solider Wirtschaftlichkeit führen, was längere Zeit gelang. 2012 bekam er bei seiner Wiederwahl trotz des erneuten Abstiegs in die Zweite Liga 73,2 Prozent der Stimmen, 2016 sogar 83 Prozent.

Erst bei der Wahl 2020 hatte der Unternehmer, lange Jahre anerkannter Chef der Berliner Industrie- und Handelskammer, Popularität eingebüßt und war nur mit 54 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt worden – ohne Gegenkandidaten. Der Streit zwischen Gegenbauer und dem Investor Lars Windhorst, der seit 2019 satte 374 Millionen Euro in Hertha BSC steckte, hat ihn Ansehen gekostet.

Viele Fans wollen einen Neuanfang. Vorgeworfen werden Gegenbauer die sportlichen Misserfolge mit zwei Abstiegen 2010 und 2012 und zuletzt drei Jahren Abstiegskampf – trotz der enormen Investitionen vom ebenfalls umstrittenen Lars Windhorst – und sein langes Festhalten an Manager Michael Preetz. Langjährige Mitglieder des Präsidiums umschreiben seinen Führungsstil zudem als autoritär.

Sauber und klar, aber auch nur kurz und knapp, kommunizierte Hertha BSC am Dienstag eine andere Personalie aus der Führungsetage: Gegenbauers langjähriger Mitstreiter Ingo Schiller ist als Finanzchef nur noch bis 31. Oktober bei Hertha beschäftigt. Die Vertragsauflösung erfolge in bestem beidseitigen Einvernehmen. Schiller war seit 1998 als Geschäftsführer für Hertha BSC tätig. Er galt in äußerst komplizierten wirtschaftlichen Zeiten als ein Fels in der Brandung. Er war es, der den Kontakt zu Windhorst hergestellt hatte.

Die Initiative zur Trennung soll aber von Schiller selbst ausgegangen sein und nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der sportlichen Misere stehen. Dem Vernehmen nach hatte der 56-Jährige das Gefühl, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, den Verein im Herbst zu verlassen. Vor allem auch die letzten drei Jahre mit dem Einstieg des Investors, der Pandemie und permanentem Abstiegskampf haben Schiller wohl viel Kraft gekostet.

Fredi Bobic ist der zentrale Mann im operativen Geschäft

Zudem soll es tiefe Gräben auf der Geschäftsstelle zwischen alteingesessenen Herthanern und den neuen Mitarbeitern, die meist von Bobic geholt worden waren, geben. Bobic bezeichnete Schillers Abschied als schade, so wie der Abschied von Carsten Schmidt als Vorsitzendem der Geschäftsführung vorigen Oktober. Bobics Zusatz, dass auch immer eine Chance darin stecke, wenn es Veränderungen bei einem Traditionsklub gibt, könnte darauf hindeuten, dass sich sein Bedauern über Schillers Weggang in Grenzen hält. Jedenfalls ist Bobic zunächst der Einzige, der aus dem Geschäftsführer-Trio übrig geblieben ist. Der zentrale Mann also im operativen Geschäft.

Er hat das Umfeld in Berlin kennengelernt, die Geräuschkulisse wahrgenommen, „die von außen reinkommt und intern gestreut wird“. Oft habe der Klub als Brandbeschleuniger funktioniert, der unheimlich viel Munition geliefert habe. All das, konstatierte Bobic, „hilft einem Verein nicht“.

Daher kommunizierte er am Dienstag klar, dass er sich von der anstehenden Mitgliederversammlung eine sachliche Diskussion erhoffe, ohne Polemik und Populismus. Und von Investor Windhorst, der ein Statement für Sonntag angekündigt hat? „Ein klares Commitment zum Verein. Es ist seine klare Fürsorgepflicht gegenüber dem Verein, von seiner Seite auch für Ruhe zu sorgen.“