Keiner läuft so weit wie er: Herthas Vladimir Darida.
Foto: Borussia Dortmund/Poolfoto/Witters

Berlin/DortmundEinen „großen Fight“ habe seine Mannschaft geliefert, sagte Hertha-Trainer Bruno Labbadia Sonnabendabend nach dem 0:1 bei Borussia Dortmund. Da konnte man grundsätzlich nicht widersprechen, denn der BVB war – mal abgesehen vom Siegtreffer durch Emre Can (57.) – aufgrund des leidenschaftlichen Vortrags der Blau-Weißen tatsächlich so harmlos wie schon lange nicht, konnte nur selten mit einem gekonnten Pass durch die Reihen oder durch ein Hochgeschwindigkeits-Dribbling aus der Ordnung in der Hertha-Defensive eine Unordnung machen. Dennoch ließ sich das mit dem „großen Fight“ für den Beobachter nicht so wirklich greifen. Denn es bleibt dabei: Ohne Stadionpublikum fehlt einfach das große Prickeln, fehlt der emotionale Rahmen, um als Außenstehender bei der Suche nach einer Schlagzeile zu einem ähnlichen Schluss zu kommen wie die Beteiligten.

In der detaillierten Spielanalyse ist die Sache schon etwas einfacher. Hertha mangelte es tatsächlich am letzten Punch, wie Labbadia nach seiner ersten Niederlage als Cheftrainer des Hauptstadtklubs befand, um zumindest zu einem Remis zu kommen. Und im Ballbesitz, wohl wahr, unterliefen seinen Spielern zu viele flüchtige Fehler, als dass man zumindest über gewisse Phasen hinweg Dominanz hätte entwickeln können. So wie das zuletzt der Fall war, beispielsweise beim beeindruckenden Auftritt in Leipzig, als sich Labbadias Elf mit einem Punktgewinn für den Aufwand belohnte. „Man hat gemerkt, dass wir nicht diese Sicherheit hatten wie in den Spielen davor. Das hat auch mit dem Gegner zu tun. Diese Niederlage müssen wir akzeptieren“, sagte Labbadia.

Nichtsdestotrotz war für die Herthaner auch beim Gastspiel im Westfalenstadion erneut allerlei Positives auszumachen. Im Besonderen das Miteinander im Zentrum funktioniert immer besser. Marko Grujic kommt dadurch wieder öfter unbedrängt an den Ball (58 Kontakte bei einer Passquote von 93 Prozent), kann als Rhythmusgeber auf das Spiel seiner Mannschaft einwirken. Rückendeckung erfährt er dabei von Per Skjelbred, bei dem man sich die Frage stellt, ob er nicht doch besser seine Rückkehr nach Norwegen noch mal um ein Jahr verschiebt. Unterstützung erfährt Grujic zudem von Vladimir Darida, der in Dortmund einen Bundesligarekord aufstellte. 14,65 Kilometer lief er als Box-to-box-Player, gern mal im hohen Sprinttempo, was seit der erstmaligen Erhebung der Tracking-Daten im Jahr 2012 noch kein anderer Profi in der höchsten deutschen Spielklasse geschafft hatte. Auch dank des Tschechen („Das ist eine schöne Statistik. Ich hätte aber lieber ein Tor in der Statistik gehabt“) ging zumindest der Vergleich bei der Laufleistung klar an die Gäste. Dortmund: 117,24 Kilometer, Hertha: 122,62 Kilometer.

Weil da schon vieles stimmt und die Hertha vier Spieltage vor Saisonende weder mit dem Abstieg noch mit der Qualifikation für die Europa League etwas zu hat, sind die kommenden Wochen quasi Testwochen für Labbadia. Er kann jungen Spielern die Chance zur Praxiserfahrung geben, aber auch Spielern, die auf der Kippe stehen, noch mal eine Bewährungschance einräumen. So brachte der 54 Jahre alte Fußballlehrer bereits in der 30. Minute für den verletzten Javairo Dilrosun auf der Position des Flügelstürmers Alexander Esswein ins Spiel, was Letztgenanntem Hoffnung auf eine Fortbeschäftigung machen dürfte. Aber auch die Youngster Jessic Ngankam, 19, und  Lazar Samardzic, 18, kamen zum Zug. Der eine 45 Minuten lang, der andere freilich nur für ein paar wenige Minuten in der Schlussphase.

Bei Hertha war in der Vergangenheit viel von „Klub-DNA“ die Rede. Davon, dass der verantwortliche Übungsleiter die Förderung des eigenen Nachwuchses mit seiner Arbeit zum Ziel haben müsse. Womöglich ist Labbadia, der weitaus weniger „Klub-DNA“ in sich trägt als beispielsweise Pal Dardai und Ante Covic, auch dahingehend der Richtige.