Gefasst und gefeiert: Die Hertha-Profis nehmen nach dem 2:2 gegen Werder Bremen den Dank ihrer Fans entgegen.
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BerlinHatte ein Physiotherapeut die Ansprache in der Halbzeitpause bei Hertha BSC gehalten? Diese Frage stellten Journalisten nach dem aufregenden 2:2 der Berliner gegen Werder Bremen im Scherz. Gerade marschierte der blau-weiße Tross vom Spielfeld durch die Katakomben des Olympiastadions Richtung Kabine, der Physiotherapeut lächelte und antwortete: „Wenn ich das gemacht hätte, wären die Jungs gar nicht mehr herausgekommen.“

Ganz aus der Luft gegriffen war der witzige Dialog in der Mixed-Zone nicht. Die Kabine einer Fußballmannschaft gilt auch in hektischen Zeiten von Social Media und gläsernen Profis noch immer als letztes Geheimnis, als Rückzugsort für Spieler und Trainer. Doch bei Hertha BSC drang zuletzt einiges nach außen, was auch das Verhältnis des verunsicherten Teams zu Interims-Trainer Alexander Nouri, 40, beleuchtete.

Lars Windhorst in der Kabine

Zuerst war Investor Lars Windhorst nach der Flucht von Trainer Jürgen Klinsmann aus Berlin in die Kabine marschiert und hatte zum Team gesprochen – ein Vorgang, den man so in der Liga noch nicht kannte. Beim 3:3 in Düsseldorf hielt dann beim Stand von 0:3 in der Halbzeitpause Torhüter Thomas Kraft eine flammende Rede. Weitere Details drangen nach außen. So sollen die Profis Vedad Ibisevic, Per Skjelbred und Vladimir Darida ihrem Trainer an der Taktiktafel ihre Ideen vorgetragen haben. Mit Erfolg.

Diesmal lag Hertha   1:2 zurück, und Nouri entschied sich für einen „Mix aus inhaltlichen und emotionalen Dingen“, wie er später erzählte: „Ich habe daran erinnert, dass wir zuletzt drei Tore in der zweiten Halbzeit geschossen haben und dass dies wieder möglich ist. Wir haben alle daran geglaubt.“ Für ihn sei wichtig, dass sich „Trainer und Spieler gegenseitig inspirieren. Das ist oft ein Wechselspiel.“

Gegen Bremen   hat die Mannschaft Moral und Teamgeist bewiesen, doch das kann nicht über die massiven Probleme hinwegtäuschen, die Hertha wahrscheinlich bis ans Saisonende begleiten werden, etwa die Passivität und Kopflosigkeit nach dem Anpfiff, wenig Struktur im Spiel und eine schlechte Absicherung bei Kontern. Nouri sprach am Sonntag von „Drecksminuten“ zu Beginn des Spiels. Diese Probleme hat nicht allein Nouri zu verantworten, sondern auch seine Vorgänger Ante Covic und Jürgen Klinsmann.

Herthas Anhang, der sich bislang als äußerst leidensfähig erweist, kam sich in der Anfangsphase des Spiels gegen Bremen vor wie im falschen Film. Nach zwei Minuten stand es 0:1 durch Joshua Sargent, dem Herthas Kapitän Niklas Stark nur Begleitschutz gab, ohne dessen straffen Schuss zu verhindern. Nach sechs Minuten kam Davy Klaasen frei zum Kopfball, Keeper Kraft nicht aus seinem Tor: 0:2. Als Motivator erwies sich Kraft zuletzt wertvoller, als gegen Werder im eigenen Strafraum. Man merkt dem 31-Jährigen seine fehlende Spielpraxis an.

Die Gegentore fallen immer früher. Beim 0:5 gegen Köln lag Hertha nach Treffern in der 4. und 22. Minute zurück, beim 3:3 in Düsseldorf traf Fortuna nach sechs und neun Minuten. Erklären konnte das kollektive Versagen in der Anfangsphase der Spiele konnte bislang niemand bei Hertha. „Wieder das Gleiche“, stöhnte Darida.  Stark sagte: „Das ist nicht erklärbar, sonst würden wir es ja abstellen.“ Und Nouri meinte zu den Gegentreffern: „Die zwei Sequenzen müssen wir besser verteidigen. Ich würde mir auch wünschen, dass wir mal nicht so schnell in Rückstand geraten und mit einem Handicap starten.“ Dabei hatte Bremen zuvor fünf Niederlagen in Serie kassiert und war nun zu seinen ersten eigenen Treffern in der Rückrunde gekommen – nach 789 Minuten. Nur zwei Selbsttore der Gegner konnte Werder zuvor bejubeln.

Alle waren in der zweiten Halbzeit an vielen guten Aktionen beteiligt.

Alexander Nouri

Ein Kopfball-Treffer von Stark nach Freistoß von Marvin Plattenhardt brachte das 1:2 noch vor der Pause (41.). Das 2:2 schaffte der erst 20 Jahre alte Cunha (61.), dem sogar Bremens Trainer Florian Kohfeldt bescheinigte, „der beste Mann auf dem Platz“ gewesen zu sein. Cunha, der am Tag vor dem Spiel von seiner Berufung in die Olympia-Auswahl seines Landes für die Spiele in Tokio erfahren hatte, war überall zu finden und der auffälligste Individualist auf dem Rasen. Hertha kämpfte, Hertha stürmte, Nouri coachte aktiv wie selten zuvor. Der Trainer lobte: „Alle waren in der zweiten Halbzeit an vielen guten Aktionen beteiligt.“

Fast wäre gar das 3:2 gelungen, als in der 80. Minute Daridas Schuss an den Arm des Bremers Niklas Moisander krachte. Referee Guido Winkmann entschied auf Elfmeter, nahm aber nach Betrachten der Videobilder den Strafstoß zurück. Moisander hatte den Arm angelegt und keine Bewegung hin zum Ball gezeigt.

Herthas Anhang blieb nach dem Abpfiff beinahe komplett in der Ostkurve und bedachte die Mannschaft mit Beifall. Danach schworen die Fans die Spieler schon auf das Derby gegen den 1. FC Union ein. Das steigt im nächsten Heimspiel am 21. März. Für Nouri ein wichtiges Duell, um bis Saisonende bleiben zu können.