Ein Missverständnis mit Nachwirkungen: Jürgen Klinsmann (l.) und Michael Preetz.
Foto: Matthias Koch/Imago Images

Berlin-WestendHerthas Pressechef Max Jung versuchte es mit Ironie. Die Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel der Mannschaft am Freitag bei Fortuna Düsseldorf eröffnete er mit den Worten: „Liebe Kollegen, das Interesse gilt sicher nicht nur dem Spiel. Unser ehemaliger Trainer ist unter die Autoren gegangen.“

Was war passiert? Jürgen Klinsmann, der vor zwei Wochen seinen Job als Cheftrainer nach 77 Tagen im Amt hingeschmissen und Verein sowie Berlin beinahe fluchtartig verlassen hatte, führte ein Tagebuch oder vielmehr ein Protokoll seiner Zeit beim Bundesligisten, das vor bösartigen Anschuldigungen gegenüber der Vereinsführung und auch anderen Abteilungen strotzt. Beinahe Tag für Tag werden angebliche Versäumnisse von Mitarbeitern und vor allem die Fehler von Manager Michael Preetz aufgelistet. „Die härteste Abrechnung aller Zeiten“ nennt die Sport Bild das Werk, das der Zeitschrift zugespielt worden war. Die 22 DIN-A4-Seiten wurden am Mittwoch veröffentlicht.

Jürgen Klinsmann wollte Rangnick holen

Das Management des ehemaligen Bundestrainers bestätigte dem Sportinformationsdienst (sid) die Echtheit der Unterlagen, rätselt aber darüber, wie es an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Diese Unterlagen kann man als „nicht autorisierte Veröffentlichung“ bezeichnen, oder ist es   eine „gewollte Indiskretion“?

Unter anderem ist zu vernehmen, dass Klinsmann Ralf Rangnick nach der Winterpause als neuen Cheftrainer installieren wollte und diesen auch  angerufen habe. Rangnick soll unmissverständlich mitgeteilt haben, dass er das Projekt Berlin spannend findet, in einer Konstellation mit Michael Preetz als  Vorgesetztem jedoch niemals kommen würde.

Die Planung der Vorbereitung auf die Rückrunde, für die Michael Preetz verantwortlich ist, ist eine Katastrophe.

Jürgen Klinsmann

Und es geht weiter: „Die Planung der Vorbereitung auf die Rückrunde, für die Michael Preetz verantwortlich ist, ist eine Katastrophe.“ Die medizinische Abteilung sei ohne Dynamik, zerstritten, inkompetent, den Anforderungen des modernen Profifußballs nicht gewachsen. Und: „Es gibt eine Medienabteilung, die nur reagiert, keine Ideen hat und den Trainerstab niemals verteidigt.“ Zudem „gibt es eine Lügenkultur, die auch das Vertrauensverhältnis der Spieler mit Preetz zerstört hat“.

Manager Michael Preetz wehrt sich

Klinsmann fasst abschließend zusammen: „Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden.“ Der fehle „jegliches Charisma“. Es gebe Inkompetenz auf allen Ebenen. Der ehemalige Chefcoach bewertete zudem sämtliche Profis, zum Beispiel den Kapitän Vedad Ibisevic: „Super Typ, leider zu alt, kein Mehrwert.“ Oder Torhüter Rune Jarstein: „Noch ein Jahr okay zu spielen, aber erzeugt keinen Mehrwert mehr.“

Wir haben heute mit großer Betroffenheit die Anschuldigungen zur Kenntnis genommen. Ich weise alle Anschuldigungen aufs Schärfste zurück, vor allem die widerlichen Angriffe auf die medizinische Abteilung und die Medienabteilung.

Michael Preetz

Manager Preetz wehrte sich   mit deutlichen Worten gegen die Vorwürfe, die vor allem ihm galten. Er sagte: „Wir haben heute mit großer Betroffenheit die Anschuldigungen zur Kenntnis genommen. Ich weise alle Anschuldigungen aufs Schärfste zurück, vor allem die widerlichen Angriffe auf die medizinische Abteilung und die Medienabteilung. Das ist perfide, denn diese Mitarbeiter sind 24 Stunden für Hertha BSC tätig.“ Er werde nicht auf einzelne Anschuldigungen reagieren. Mit fester Stimme sagte Preetz auch: „Ich halte das aus! Ich bin stabil!“

Schwere Aufgabe in Düsseldorf

Preetz verwies auch auf eine Erklärung des Vereins, die Hertha der Sport Bild zugesandt hatte. Darin heißt es: „Abgesehen davon, dass nahezu sämtliche Vorwürfe und Behauptungen nicht der Wahrheit entsprechen, ist uns auch im Interesse von Jürgen Klinsmann daran gelegen, diese Personalie zu einem würdigen Ende zu bringen. Deshalb werden wir uns als Verein auch nicht an einer derartigen öffentlichen Kontroverse beteiligen.“

Aus Vereinskreisen war zu erfahren, dass Klinsmann nie persönlich an Mitarbeitern Kritik geübt habe, die er nun mit Vorwürfen überhäuft.

Hertha möchte in der aktuell prekären sportlichen Lage – der Abstand zum Relegationsplatz 16 beträgt nur sechs Punkte – also keine Schlammschlacht führen und versucht den komplizierten Spagat zwischen dem medialen Erdbeben und den anstehenden schweren Aufgaben auf dem Platz. Preetz sagte jedenfalls, dass sich der Verein rechtliche Schritte gegenüber Klinsmann vorbehalte. „Dem Verein ist Schaden zugefügt worden.“ Ein Vertragsverhältnis zwischen Hertha BSC und Klinsmann gebe es „mittlerweile nicht mehr“.

Hertha-Präsident wendet sich an die Mitglieder

Ebenfalls am Mittwoch hatte sich Präsident Werner Gegenbauer in einer Sonderausgabe des Mitglieder-Newsletters an die Herthaner gewandt und die Vorwürfe zurückgewiesen. Gegenbauer schrieb: „Schon der Rücktritt von Jürgen Klinsmann via Facebook Post und auch der Versuch der Einordnung seiner Entscheidung einen Tag später via aufgezeichnetem Facebook-Live-Video „stehen aus unserer Sicht für sich und bedürfen keines weiteren Kommentars. Nun dürfen wir Zeuge sein, wie unser ehemaliger Trainer mit diesem Schreiben, welches an Tennor und damit an Lars Windhorst gerichtet war, abermals versucht, mit absurden Behauptungen seinen Rücktritt zu rechtfertigen.“

Jürgen Klinsmann, soviel steht wohl fest, hat mit seinen Anschuldigungen Hertha erneut in die Bredouille gebracht, und das mitten im Abstiegskampf. Einige wenige Punkte seiner harschen Kritik, die das Innenleben des Vereins betreffen, sind diskutabel. Hertha BSC muss nun allein das Sportliche in den Fokus rücken, damit nicht der Worst Case eintritt und ein mit 224 Millionen Euro durch Investor Windhorst unterstützter Klub am Ende absteigt, ein Verein, der in der Winterpause mit Transfers in Höhe von über 70 Millionen Euro weltweit führend war.

Auf der Pressekonferenz vor dem Duell in Düsseldorf, einem unmittelbaren Konkurrenten von Hertha im Abstiegskampf, blieb Trainer Alexander Nouri, dem ehemaligen Klinsmann-Assistenten, nur die Rolle eines Statisten. Das Klinsmann-Protokoll überlagerte alles. Klinsmann hatte Hertha empfohlen: „Lasst Alex Nouri und das Trainerteam die Saison auf jeden Fall zu Ende bringen. Die Mannschaft weiß, dass er nach wie vor eng mit dem alten Trainerstab kommuniziert.“ Der 40-jährige Nouri sagte dazu: „Ich habe nichts von diesem Protokoll gewusst. Mein letzter Kontakt mit Klinsmann war vor dem Köln-Spiel. Da hat er uns Glück gewünscht.“ Nouri sagte, das Team und er seien in einer ähnlichen Situation wie vor dem Spiel in Paderborn. Damals gab es zuvor die gemeinsame Pressekonferenz von Gegenbauer, Preetz und Investor Windhorst, die den öffentlichen Schulterschluss übten. Hertha siegte danach 2:1.