Herthas Torwart Rune Jarstein musste sich viermal geschlagen geben.
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Berlin-CharlottenburgSo hatte sich das Hertha BSC sicher nicht vorgestellt. Die Blau-Weißen verlieren das besondere Spiel zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum gegen RB Leipzig mit 2:4 (1:2). Durch den Sieg des 1. FC Union in Mainz ziehen die Köpenicker eine Woche nach dem gewonnen Derby auch in der Tabelle an Hertha vorbei. Als Tabellenzwölfter mit weiterhin elf Punkten trennen die Berliner nur noch zwei Punkte vom Relegationsplatz. Von Abstiegskampf wollte Trainer Ante Covic nach der dritten Niederlage in Folge dennoch nichts wissen. „Das ist eine berechtiget Frage. Wir haben heute gegen einen starken Gegner ordentlich Paroli geboten“, erklärte der Kroate. „Aber wir müssen uns für den Aufwand, den wir betreiben, belohnen.“

Eine Woche nach dem enttäuschenden 0:1 im Stadtduell beim 1. FC Union machte Herthas Trainer Ante Covic seine Ankündigung wahr und wechselte seine Startelf auf gleich drei Positionen. Für Marko Grujic, der das erste Mal nur auf der Bank saß, Per Skjelbred und Kapitän Vedad Ibisevic, schickte Covic gegen Leipzig Karim Rekik, Eduard Löwen und Vladimir Darida aufs Feld. Damit ging auch eine Systemumstellung einher. Die in Köpenick nicht funktionierende 4-4-2-Formation legte Covic ad acta. Gegen RB ließ der gebürtige Berliner in einem 3-4-3-System spielen. Die auf dem Papier offensiv anmutende Formation gegen das Gästeteam von Trainer Julian Nagelsmann entpuppte sich durch die sich fallenlassenden Mittelfeldspieler als Fünfer-Abwehrriegel.

Führung durch Mittelstädt

Nachdem im Stadion symbolisch eine Mauer eingerissen worden war, ging Covics Plan, gegen zuletzt stark aufspielenden Sachsen in der Defensive zunächst sicher zu stehen, in der ersten Halbzeit auf. Hertha gönnte RB unter den Augen von Investor Lars Windhorst und seinem neuen Abgesandten für den Aufsichtsrat der Hertha BSC KGaA Jürgen Klinsmann wenig Raum – und probierte über schnelles Umschaltspiel selbst zum Abschluss zu kommen. Zunächst vergab Vladimir Darida nach einem Steilpass von Dodi Lukebakio die erste Chance (16.), dann verzog Javairo Dilrosun aus 20 Metern (22.) Auf der Gegenseite wurde es eine Minute später das erste Mal durch Nationalstürmer Timo Werner gefährlich, den die Herthaner nur mit vereinten Kräften im Fünfmeterraum stoppen konnten.

Ein fast schon vergessenes Gefühl bescherte Maximilian Mittelstädt den Hertha-Fans dennoch in der 32. Minute. Der Linksverteidiger ließ mit einem strammen Schuss aus 20 Metern ins linkere untere Eck Leipzigs Torwart Peter Gulacsi keine Chance und brachte Hertha erstmals seit dem 6. Spieltag Ende September (4:0 in Köln) in Führung.

Zur Erinnerung errichtete Hertha BSC eine Mauer, die eingerissen wurde.
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Allerdings hielt die Freude über das auf der an diesem Spieltag in Retro-Look gehaltenen Anzeigetafel nur kurz. Es dauerte lediglich sechs Minuten bis Karim Rekik im Zweikampf mit Nordi Mukiele der Ball im Strafraum an die Hand sprang und Schiedsrichter Sören Storks mit Hilfe des Videobeweises auf Elfmeter entschied – der fünfte gegen Hertha in der laufenden Bundesligasaison. Eine harte, aber wohl nach den neuen Regeln korrekte Entscheidung. Rekik sah das naturgemäß anders nach Abpfiff. „Wenn der Ball aus so einer kurzen Distanz kommt, was soll ich machen? Für mich ist das niemals Elfmeter.“

Werner waren die Proteste der Berliner egal, verwandelte sicher und erzielte sein siebtes Tor im siebten Spiel gegen die Berliner. Während Hertha probierte mit dem Remis in die Pause zu kommen, drehte Leipzig nochmal auf. Ein eigentlich ungefährlicher Schuss von Marcel Sabitzer fälschte Unglücksrabe Rekik mit dem Rücken ab, sodass Rune Jarstein ohne Chance blieb. Und Hertha wieder einmal mit einem Rückstand in die Kabine musste.

Stark mit blutiger Nase

Die zweite Halbzweit startete mit einem Aufreger, als der bereits verwarnte Stefsan Ilsanker Dilrosun an der Mittellinie mit einem Rempler auf die Tartanbahn schickte. Storks zögerte, entschied sich aber letztendlich den Österreicher nicht mit Geld-Rot vom Platz zu stellen. Nagelsmann sah die Gefahr und wechselte Ilsanker nur wenige Augenblicke später aus.

Das Pech blieb Hertha treu, als Konrad Laimer Niklas Stark im Strafraum mit dem rechten Arm die Nase blutig schlug und Storks, zum Entsetzten von Covic, nicht auf Elfmeter entschied. Weil Herthas Cheftrainer zusammen mit Manager Michael Preetz auch noch Minuten später protestierte, kassierte Covic seine erste Gelbe Karte in dieser Spielzeit. Wenn er den ersten gegen uns gibt, muss er sich den zweiten zumindest anschauen“, erklärte Covic später seinen Frust.

Stark wollte zwar weiterspielen, wurde aber auf Anraten von Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher mit dem Verdacht auf einen Nasenbeinbruch ausgewechselt. Damit wird der von Bundestrainer Joachim Löw erneut nominierte Innenverteidiger wohl weiter auf sein Debüt im DFB-Trikot warten müssen.

Der aus blau-weißer Sicht bittere Abend nahm endgültig seinen Lauf, als der eingewechselte Kevin Kampl mit einem feinen Schlenzer Jarstein zum 1:3 überwand (86.) und Werner nach einem blitzsauberen Konter seinen zweiten Treffer erzielte (91.). Davie Selkes erstes Saisontor zum 2:4 kam zu spät (92.). „Nichtsdestotrotz hat meinen Mannschaft weiter probiert das 2:2 zu machen. Am Ende mussten wir aufmachen. Dann kann es gegen Leipzig gefährlich werden“, haderte Covic mit dem Spielverlauf.