Bayerns Spieler jubeln, Herthas Kicker lassen die Köpfe hängen
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BerlinEs war nicht das Fußballfest, das sich alle erhofft hatten, doch eher ein ganz normales Bundesligaspiel, bei dem a) der Großklub FC Bayern mit einem 4:0 seiner Favoritenrolle gerecht wurde und b) dem Gastgeber und Möchtegern-Großklub Hertha BSC einmal mehr seine Grenzen aufgezeigt wurden. Grenzen, die Jürgen Klinsmann, der Trainer des Hauptstadtklubs, in Cooperation mit Investor Lars Windhorst alsbald überwinden will. So aber wird das so schnell nichts mit dem Big City Club, so muss in aller Bescheidenheit erst mal der Klassenerhalt gesichert werden.

„In der zweiten Hälfte kam die große Qualität der Bayern zum Tragen und dann haben die das schon sehr gut zu Ende gespielt. Aber wir gehen unseren Weg weiter, haken das Spiel im besten Fall schnell ab“, sagte Hertha-Angreifer Davie Selke. Bayern-Profi Thomas Müller kam wiederum zu folgendem Schluss: „Wir haben die Hertha heute müde gespielt, haben uns dann vorgenommen, dass wir doch noch ein bisschen aufs Tempo drücken. Und dann ist eben der Knoten geplatzt.“

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Hertha sucht Offensivkraft

Jürgen Klinsmann will Verstärkung für die Offensive suchen. „Wenn wir was finden im offensiven Bereich, würde uns das enorm helfen“, sagte der  Trainer von Hertha BSC. Zum Rückrundenstart der Fußball-Bundesliga habe es seinem Team vor allem auch „an Durchschlagskraft und Mut zur Offensive“ gefehlt, bemerkte Klinsmann und sagte zu den Transfer-Bemühungen: „Wir sind am Arbeiten.“

Wenn es gegen die Bayern geht, stellt sich für jeden Trainer in der Vorbereitung auf die Partie eine doch ziemlich schlichte Grundsatzfrage: Wollen wir sie kommen lassen und uns erst mal ihrem Spiel unterwerfen? Oder versuchen wir uns daran, sie selbst unter Druck zu setzen? Wagen wir also den offenen Schlagabtausch, auf die Gefahr hin, dass wir ihnen gleich zu Beginn die Chance zum Konter eröffnen? Klinsmann hatte sich offensichtlich in Absprache mit seinen Assistenten für die innere Sicherheit entschieden. Was bestimmt seiner grundsätzlichen Spielidee zuwiderläuft, aber für eine Mannschaft, die in der unteren Tabellenhälfte steht und kurzfristig einen Innenverteidigerposten neu besetzen muss, durchaus sinnvoll ist. Klinsmann musste ja auf den über muskuläre Probleme klagenden Karim Rekik verzichten, sodass in Abwesenheit des grippekranken Niklas Stark das Eigengewächs Jordan Torunarigha an der Seite von Abwehrchef Dedryck Boyata zum Zug kam.

Kein selbstbewusster Auftritt im eigenen Stadion

So lässt sich das, was die 74 475 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion zunächst zu sehen bekamen, durchaus als ein Spiel auf ein Tor bezeichnen. Mit vielen Ballkontakten für die Bayern, aber auch für Hertha-Keeper Rune Jarstein, der von Beginn bei einigen Flanken und bei vielen, vielen Rückpässen doch sehr, sehr wach sein musste. Dodi Lukebakio und Javairo Dilrosun, die ja der Form nach als Außenstürmer aufgeboten worden waren, wiederum mussten sich in der ständigen Rückwärtsbewegung als Hilfsarbeiter verdingen. Winterzugang Santiago Ascacibar und Vladimir Darida versuchten sich derweil im Zentrum als Spaßbremsen für Thiago und Coutinho – und erzielten dabei letztlich die gewünschte Wirkung.

Immer zähflüssiger wurde nämlich das Spiel der Gäste, nachdem Robert Lewandowski in der 26. Minute bei der bis dahin besten Möglichkeit der Bayern zwar aus Nahdistanz den Ball an Jarstein vorbeigespitzelt, aber das Tor verfehlt hatte. Andererseits kam bei der Hertha zumindest ein bisschen was in Fluss, vor allem durch Lukebakio und Davie Selke, die doch mal forsch ins Dribbling gingen, Fouls zogen und damit ihren Mitspielern die Gelegenheit zum Nachrücken gaben.

Von einem selbstbewussten Auftritt vor heimischer Kulisse konnte aber natürlich noch lange nicht die Rede sein. Auch weil die Hertha-Profis trotz der kleinen Erfolgserlebnisse weiter zu zaghaft, zu passiv wirkten, um die Bayern so richtig zu ärgern.

So fand das Spiel auf ein Tor auch in der zweiten Hälfte eine Fortsetzung, mit dem feinen, aber spielentscheidenden Unterschied, dass die Bayern nach einer Handvoll vergebener Chancen doch noch zu fünf regulären Toren kamen. Das erste erzielte Thomas Müller nach einer Stunde aus sechs Metern, nachdem Ivan Perisic uneigennützig auf den ehemaligen deutschen Nationalspieler abgelegt hatte. Über das zweite durfte Robert Lewandowski drei Minuten später jubeln, wurde allerdings zur allgemeinen Verwunderung von Schiedsrichter Tobias Stieler zurückgepfiffen wurde. Der Pole soll Rune Jarstein beim Versuch, eine Flanke abzufangen, in der Luft behindert worden sein, meldete jedenfalls der Videoassistent. Was für ein Irrtum.

Zehn Minuten später bekam Lewandowski doch noch die Chance, um mit Timo Werner in der Torjägerliste (20 Treffer) gleichzuziehen, verwandelte den Strafstoß, den Lukas Klünter bei einem Eckstoß durch ein Halten von Leon Goretzka verursacht hatte.

Thiago wiederum verzückte in der 76. Minute mit seinem prächtigen Schuss in den Torwinkel die Bayern-Fans und neutralen Beobachter, während Müller sich in der 84. Minute bei Perisic revanchierte. Der Kroate hatte jedenfalls keine Mühe, um den Schlusspunkt unter eine letztlich sehr einseitige Partie zu setzen.

Klinsmann hat einen großen Namen, allerdings gilt es immer noch zu beweisen, ob er tatsächlich auch das Zeug zu einem großen Klubtrainer hat. Kann der 55-Jährige also einer Mannschaft durch sein tägliches Coaching eine ganz eigene Handschrift verleihen, spielt eines Tages tatsächlich eine von ihm geführte Mannschaft typischen Jürgen-Klinsmann-Fußball? Das Spiel gegen die Münchner konnte auf diese Frage noch nicht mal im Ansatz eine Antwort geben, im Gegenteil: es schürte weitere Zweifel.