Hertha BSC verliert gegen Werder Bremen : Wenn Flaschen leiden

Dafür brauchte er seine Handschuhe nicht, diese gepolsterten Werkzeuge, die er sich nach getaner Arbeit unter den Arm geklemmt hatte, dafür brauchte er seine Hände und sonst nichts dazwischen. So fühle es sich echter an. Wie das Plastik unter dem Druck seiner Finger nachgab, wie der Verschluss aufging, mit einem Schlag wieder zu, sich alles verformte, sich quetschen ließ, Verschluss auf, Verschluss zu, dann noch mehr Druck, diese verdammte Trinkflasche – nimm das! Sie nahm es letztlich schadlos hin.

Thomas Kraft, der letzte Mann, hatte das letzte Wort nach dem Spiel, das Hertha BSC am Sonntagnachmittag 0:2 (0:1) bei Werder Bremen verlor. Doch als er irgendwo in den Tiefen seiner Torwartgedanken nach einer Erklärung suchte, dann etwas über Akzente sagte, die seine Mannschaft wieder nicht setzen konnte, sprachen seine Hände die klarere Sprache. Kraft war wütend, aber er hatte sich im Griff, innen tobte er, aber außen bekam das nur eine Trinkflasche aus Plastik zu spüren. Und man dachte, nachdem auch die anderen ihre emotionslosen Wir-müssen-es-nächstes-Mal-besser-machen-Sätze aufgesagt hatten: Wann bricht es mal aus einem aus? Warum sind alle so brav? Und ist das auch der Grund, warum sie so braven Fußball spielen?

Es bleibt wenig Zeit für Antworten. Schon am Mittwochabend kommt Leverkusen ins Olympiastadion.

Im ersten Auftritt nach der Winterpause war das Ziel das gleiche wie schon in der Hinrunde. Herthas Manager Michael Preetz nannte es zuletzt die erste Bürgerpflicht. Bedeutet: Hinten erst mal kein Tor bekommen. Um die beiden Bremer Spitzen stumpf zu machen, verlegte Hertha erstmals eine Dreierkette in der Abwehr. „Es hätte auch eine Achterkette sein können“, sagte Kettenmitglied Sebastian Langkamp. Immerhin Ironie.

Und vorne? Vorne guckten sie, auch das kennt man schon, ab und zu mal nach, was geht, ob Ronny vielleicht etwas einfällt. Es fiel ihm aber nichts ein. Kein Steilpass, kein Standard kam an. Die hinter ihm positionierten Jens Hegeler und Peter Niemeyer wussten nicht, welchen Gegenspieler sie zuerst anlaufen sollten. Von Valentin Stocker blieb nur ein Topwert in Erinnerung, seine acht Fouls. Und vielleicht noch der Rückpass auf Kraft, von der Mittellinie, ohne einen Gegner im Rücken.
Sehr bedenklich für das erklärte und im Trainingslager trainierte Vorhaben, endlich mal mit spielerischen Mitteln in die Tiefe zu kommen, war vor allem diese Statistik: In der gegnerischen Hälfte gelangte nur jeder zweite Pass zum Mitspieler. Einige landeten ohne Bedrängnis im Seitenaus. Und ein Einwurf war nicht mehr als eine Gelegenheit, kurzfristig Raum und Zeit zu gewinnen.

Dass Ronny nach zwanzig Minuten seine Handschuhe auszog, sie schnaubend wegschleuderte – und das war dann immerhin mal ein Gefühlsausbruch! –, blieb ebenfalls folgenlos für das Spiel. Dabei lief da noch die bessere von zwei schlechten Halbzeiten der Berliner. Jos Luhukay bilanzierte: „Wir haben zu wenig spielerische Qualität, und die, die wir haben, ist verletzt.“

Der Trainer fand trotzdem noch ein paar lobende Worte für seine Mannschaft, aber das ist auch sein Job. Er hat eine paar gute Umschaltaktionen beobachtet, die aber spätestens am Sechzehnmeterraum gestoppt wurden. Manchmal vom Gegner, meistens vom eigenen Unvermögen. „Uns hat die Effizienz gefehlt“, sagte Luhukay. „So kann man keine Tore schießen.“

Seine Spieler trafen oftmals die falsche Entscheidung, das letzte Anspiel, das wirklich Gefahr bringt, kam auch nie an. Die beste Chance hatte noch Nico Schulz, als er über links und mit viel Platz aufs Tor zulief. Bei seinem Schuss rutschte ihm aber der Ball über den Spann und weit am Tor vorbei. Es war einer von insgesamt drei Torschüssen, wobei: Aufs Tor kam keiner. Der Bremer Franco Di Santo schoss drei Mal, traf zwei Mal. Das ist wohl Effizienz.

Dass die Bremer dieses Spiel gewonnen und Hertha in der Tabelle überholt haben, lag auch daran, dass sie es, so banal es klingt, mehr wollten. Sie wollten zum Beispiel ein frühes Tor, wie ihr Trainer Viktor Skripnik später sagte. Und als sie in der zweiten Hälfte mit diesem einen erst mal zufrieden waren, tiefer standen, mehr Raum ließen, machten die Herthaner immer noch nicht den Eindruck, als würden sie an sich glauben. Hegeler sagte, das sei so ein Spiel gewesen, bei dem: „Die Mannschaft, die das erste Tor macht, gewinnt.“ Bedeutet das tatsächlich: Sie hätten zur zweiten Halbzeit gar nicht aus der Kabine kommen müssen? Das hätte man an liebsten noch Thomas Kraft gefragt.