Köln - Man kommt gut hin, und man kommt gut wieder weg. Auch schnell bei Bedarf. Es sollte bei allen Fremdbaugedanken daher nicht vergessen werden, wie angenehm das Berliner Olympiastadion in das Schienennetz unserer Stadt eingebunden ist.

Aus Fußballfansicht gibt es eigentlich nur einen Nachteil: Es fehlt die Tram, Straßenbahn, hier und da Straba genannt. Warum? Weil ein Tramwaggon kleiner ist, schmaler und leichter als seine Großbuchstaben vor sich herschiebenden Bahnkollegen. Und wer kleiner, schmaler, leichter ist, lässt sich nun mal viel besser in Bewegung bringen.

1. FC Köln gegen Hertha BSC (4:2)

Der Karneval ist vorbei in Köln. Aber die Kölner haben anscheinend beschlossen, ihr kollektives Besäufnis bis zum Saisonende zu verlängern. Die vernebelte Aussicht, zum ersten Mal seit einem Vierteljahrhundert – „Ich will über Baku nach Dnjepr Dnjepropetrowsk!“ – wieder im Europapokal zu spielen, versetzt die Stadt in einen – „Ich gucke nie Doppelpass, aber morgen schon!“ – Ausnahmezustand. Wie in einer dieser roten, das Stadion mit der Innenstadt verbindenden, Straßenbahnen.

Der Heimsieg (4:2) ihres 1. FC Köln gegen Hertha BSC war schon zwei Stunden her, aber sie sangen, tanzten und soffen immer noch, als hätte der Stadtheilige Lukas Podolski angekündigt, seinen seit Jahren verwaisten Prinzenthron wieder einzunehmen. Die Band heißt Kuhl un de Gäng und der ohrwurmstichige Text, der eine Kölner Tram in den Gegenverkehr zu hieven drohte, geht so:

Hey, loss mer springe, sulang mehr noch künne. hey, mer jenieße et Levve, sulang mer künne, loss mer springe! Wie lang mer noch han, wer weiß dat schon, sulang mer künne, loss mer springe!

„Wir haben die erste Halbzeit verschenkt.“

Die Auswärtsreisegruppe Hertha BSC war zu diesem Zeitpunkt auf einem wohl nicht ganz so sprungfreudigen Weg zum Flughafen, weshalb der Reiseleiter Pal Dardai die Pressekonferenz vorzeitig verlassen durfte. „Klassisch von uns“, sagte er noch schnell, „wir haben die erste Halbzeit verschenkt.“

Der große Unterschied zu den bisher bekannten Berliner Geschenkklassikern war diesmal allerdings der für den Spielausgang nicht unwesentliche Umstand, dass Dardais Mannschaft noch vor dem Pausenpfiff mit drei zu null Toren zurücklag. Am Sonntag sagte ihr Trainer: „Wenn einer einen Fehler macht, dann ist es wie ein Dominoeffekt.“ Genki Haraguchi war oft der erste Stein, der die anderen zum Fallen brachte.

Drei Tore? Das geht. Irgendwie. Selbst nach der Nachspielzeit noch. Hat man alles schon erlebt, sogar zuletzt. Das wusste natürlich auch Niklas Stark, als er die Halbzeitkabinenstimmung wiedergeben wollte: „Im Fußball gibt es doch immer solche Geschichten, dass man einen Rückstand aufholt.“ Aber dieser Sonnabend in Köln sollte keine verrückte Wendung nehmen.

FC Modeste gegen Hertha BSC

Das frühe Elfmetertor von Vedad Ibisevic zum 3:1, später der Kopfballtreffer von John Brooks zum 4:2 – es war jeweils nur ein kurzes Glimmen. Das Feuer hatte da längst ein anderer Spieler entfacht: Anthony – „Wer legte der Hertha drei Eier ins Nest? Wer gab der Hertha heute den Rest?“ – Modeste. Dazu sagte Dardai: „Modeste konnten wir nicht halten, das ist nicht unsere Geschwindigkeit, das ist nicht unsere Dimension.“ Das ist etwas übertrieben. Genauso wie dieser Satz: „Das Spiel war FC Modeste gegen Hertha BSC.“

Modeste ist zweifellos ein großartiger Fußballer. Vor seinem dritten Tor hat er beinahe seine Hose verloren, trotzdem war der Schuss präzise. Und allein, wie er vor seinem zweiten Tor diesen langen Ball aus der Luft, mit der Außenseite und in seinen Lauf abtropfen ließ, war dem Kölner Publikum Grund genug, ihn wie einen zweiten Fußballprinzen zu feiern. Ihm zu huldigen.

Er ist da keineswegs unerfahren. Die Poldisierung des treffsicheren Franzosen, der mal aus Hoffenheim gekommen war, kennt allerdings wohl ihre Grenzen. Den kundigen Straßenbahndialogen zufolge liegt diese Grenze zwischen fünfzig und einhundertfünfzig Millionen Euro.

Nicht aggressiv genug

Doch Dardais Mannschaft war ja selbst schuld, dass einer so herausragen konnte wie Modeste. Zu einfach waren die finalen Pässe vor den Gegentoren, zu passiv der Widerstand gegen die Passgeber. John Brooks und Sebastian Langkamp spielten mit Schmerzmitteln.

Etwas gelähmt wirkten die Innenverteidiger am Sonnabend. „Wir haben schon alles versucht“, sagte Dardai wohl in der Hoffnung, dass es nicht stimmt, „aber wir waren nicht aggressiv genug.“ Zu brav. Zu nett. Zu unkonzentriert.

„Natürlich war das scheiße heute.“

Per Skjelbred präzisierte: „Natürlich war das scheiße heute.“ Noch präziser muss es sogar heißen: Nicht nur heute. Sechs Mal in Folge hat Hertha BSC Berlin jetzt auswärts verloren.

Und man sollte sich besser nicht fragen, wo die Mannschaft stehen könnte, wenn sie auf fremden Plätzen annähernd so selbstbewusst auftreten würde wie daheim. Wer es trotzdem wissen will: auf Platz zwei der ersten deutschen Fußball-Bundesliga wahrscheinlich. Es ist aber nur Platz fünf. Und das zu Recht.

Miese Auswärtsbilanz

Dardai versteht diese miese Auswärtsbilanz mit jeder Niederlage ein bisschen weniger. Liegt es an der Rasentiefe? Der Platzbreite? Der Luft? An unbequemen Hotelbetten? Sollen sie anders spielen? Die eigene Idee des gepflegten Kurzpassspiels verraten? Einfach nur tief stehen und warten, was der Gegner macht? Die schier verzweifelte Sehnsucht nach einem schlechten Spiel, dass sie trotzdem irgendwie nicht verlieren, wird immer größer.

„Es ist wie mit Mathe in der Schule“

Herthas Assistenztrainer Rainer Widmayer hatte vor der Reise nach Köln eine andere Erklärung. „Es ist wie mit Mathe in der Schule“, sagte er. „In allen Fächern bist du gut und in einem weniger gut. Auswärts ist unser Mathe.“ So, und jetzt kann sich jeder selbst ausrechnen, wie viele Punkte Hertha bei noch fünf ausstehenden Heimspielen holen kann in dieser Saison. Und welche Platzierung am Ende herauskommen kann oder singende Fans dazu verleiten könnte, einen Zug zum Hüpfen zu bringen.