Berlin - Marvin Plattenhardt kratzte sich am Hinterkopf wie ein um eine Lösung verlegener Grundschüler im Matheunterricht. Dabei sollte er die Aufgabe – was muss passieren, damit Hertha BSC ohne Relegationsumweg in der Bundesliga bleibt? – nicht lösen. Er sollte die ihm freundlicherweise vorgerechnete Antwort – selbst eine Niederlage mit einem Tor Unterschied genügt am letzten Spieltag gegen Hoffenheim – nur bewerten.

Also Herr Plattenhardt, muss man nach dem torlosen Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt froh sein, dass der direkte Abstieg nicht mehr droht? Oder muss man sich ärgern, dass Hertha es wieder nicht geschafft hat, mit einem Sieg den Klassenerhalt zu sichern? „Wir machen uns keinen Kopf“, sagte Plattenhardt am Sonnabend im Bauch des Olympiastadions. Weil: „Wir haben heute gezeigt“, kurz nachdenk, „ähm“, ein Mal kopfmach, zwei Mal kopfkratz „dass wir standhaft sind“ – hilflos grins.

So kann man es sehen. Man kann es aber auch so sehen, dass Hertha nicht standhaft, sondern stehen geblieben ist im Abstiegskampf. Nach sechs sieglosen Spielen in Serie ist der Vorsprung von acht auf zwei Punkte zusammengeschrumpft. Und er wäre wohl mehr als ganz aufgebraucht, würde die Saison nur einen Spieltag länger dauern als üblich. Na ja, es sei denn, Hertha dürfte auch mal gegen den ligaweiten Punktelieferanten aus München gewinnen.

Das Nullzunull gegen den Lieferservice aus Frankfurt, gegen das schlechteste Auswärtsteam der Liga, war eines der schlechteren Sorte. Und man hätte am liebsten von Salomon Kalou gehört, ob er sich keinen, einen oder gleich mehrere Köpfe gemacht hat nach dem Abpfiff und in der folgenden Nacht. Denn er war es ja, der drei Mal die Chance hatte, das Tor des Tages zu erzielen. Kalou wollte aber auch am Sonntag nichts sagen.

„Frag unseren blinden Stürmer!“

Am größten war die Chance zehn Minuten nach der Halbzeit, als der Stürmer sich erst den Ball erkämpfte, allein auf Kevin Trapp zulief und dann – ja, was dann eigentlich? Die Klärung dieser Frage, war der Aufreger des Spiels, löste bei mindestens einem Mitspieler ein heftiges Gefühlsbeben aus, dessen Ausläufer noch bis zum Wochenende zu spüren sein werden.

Kalou lief also auf Trapp zu, und dann – dann chippte er den Ball, allerdings zu flach und in die ausgefahrene, rechte Torwarthand. Das ist die einfachste Sicht auf die Dinge. Sie orientiert sich an der bloßen Tatsache des Scheiterns und berücksichtigt, dass Scheitern auch mal Kunst sein darf. Aber so einfach war es eben nicht. Nicht für Pal Dardai zum Beispiel, der ja immer wieder erstaunliches Vokabular hervorkramt und diese Aktion als „hochnäsigen Heber“ bezeichnete. Auch nicht bei Michael Preetz, der in seiner Stürmerkarriere selten zögerte vor dem Tor und daher auch lieber einen „seriösen Abschluss“ gesehen hätte. Und vor allem nicht für Thomas Kraft. Mit Kunst braucht man ihm nicht zu kommen. Sollte man auch nicht.

Denn wo Trainer und Manager ihre Kritik in einem um mehrere Gefühlsdezibel reduzierten Ton vortrugen, entschied sich Kraft für den Bass der Kurvensprache. Woran es liegt, dass Hertha noch bis zum letzten Spiel zittern muss, sollte der Torwart erklären und zischte: „Frag doch unseren blinden Stürmer!“ Die Blickrichtung genügte, um zu verstehen, dass er nicht Genki Haraguchi gemeint haben konnte, der zehn Minuten vor dem Ende und in bester Position sehr schlecht zielte. Immerhin war es ein strammer Fehlschuss.

„Es war eine dumme Aussage“

Eine Nacht und ein paar gemachte Köpfe später trat Kraft erneut vor die Notizblöcke, um sich bei Kalou und dessen Optiker zu entschuldigen. „So“, begann er seine Rede, die er auf Vereinswunsch freiwillig halten musste, „nur zwei Sätze, dann sind wir auch fertig. Es war eine dumme, dumme Aussage. Ich hab mit Salomon gesprochen, das war auch kein großes Thema, auch net so gemeint, ihr kennt mich ja aus meiner Emotionalität heraus. Von daher ist die Sache geklärt, auch kein großes Drumherum. Fertig.“ Man muss ihm seine Kraftsprache nachsehen. Hier weiß wenigstens einer, worum es geht. Aber ob das alle wissen?

Selbst Dardai ist sich nicht mehr sicher, vor allem bei Kalou nicht. „Da muss man in den Spiegel schauen und sich fragen, ob die Einschätzung stimmt. Das kann ich nicht akzeptieren“, hatte er nach dem Spiel gesagt. Doch einen Tag später klang er wieder versöhnlicher: „Mittelstürmer sind für mich Künstler, haben eine andere Seele.“ Er war zwar immer noch verärgert, dass Kalou sich beim Lupfer verhoben hatte. Es ist ihm aber auch nicht entgangen, dass die Künstlerseele in einer eigenen Gewichtsklasse kämpft da vorne, meist alleingelassen und manchmal von den eigenen Mitspielern als Anspielstation gemieden, wie einige zuletzt beobachtet haben wollen.

Um zu verstehen, warum die Beziehung zwischen Hertha und Kalou eine komplizierte und bislang unerfüllte ist, muss man sich einfach mal vorstellen, wie der Ball über Trapp und ins Tor fliegt. Und dazu die Schlagzeile: „Salomon kaloupft Hertha zum Nichtabstieg!“ Es ist ja nicht so, dass er nicht schon gezeigt hätte, wie das geht. Nur in Berlin halt noch nicht.

Aber hat Hertha Kalou nicht verpflichtet, weil man wusste, dass da einer kommt, der nicht blind ballert, sondern die Bälle mit dem Fuß streicheln kann? Man sollte sich jetzt nicht zu sehr wundern. Andererseits muss man auch fragen, ob Kalou wusste, dass in Berlin in dieser Saison nur Arbeiterfußball gefordert ist. Was Hertha als Arroganz empfindet, kann auch nur Künstlerpech gewesen sein.