Berlin-Westend - Der Trubel um den Rauswurf von Jens Lehmann hallte noch nach und drohte auf der Pressekonferenz von Hertha BSC, das zweite Nachholspiel gegen den SC Freiburg (Donnerstag, 18.30 Uhr, DAZN) in den Hintergrund zu drängen. „Wir von Hertha vertreten bestimmte Werte. Und die haben sich in dieser Nachricht nicht wiedergefunden. Deswegen, denke ich, musste es zu diesem Schritt kommen“, erklärte  Alexander Schwolow, der sich neben Cheftrainer Pal Dardai den Fragen der Journalisten in einer digitalen Medienrunde stellte. Eigentlich sollte der 28 Jahre alte Torhüter vor dem Duell mit seinem ehemaligen Klub im Fokus stehen. Denn für die noch ausstehenden fünf Spiele wird der Wiesbadener zum entscheidenden Faktor im Kampf um den Klassenerhalt.

Auf den Wechsel zu Hertha folgt der Karriere-Knick

Dass es im Leben oft anders kommt als man denkt, erlebte Schwolow bereits vor drei Monaten. Statt des erhofften Karriere-Sprungs nach seinem Wechsel aus dem Breisgau folgte der Karriere-Knick. Während die ehemaligen Kollegen sorgenfrei durch die Saison marschieren, strauchelt Hertha bekanntlich mal wieder gewaltig. Die sportliche Talfahrt wirkte sich auch auf Schwolow aus. Statt mit Hertha durchzustarten, landete er auf der Ersatzbank, obwohl er keine groben Patzer machte. Trainer Pal Dardai wollte als Nachfolger von Bruno Labbadia jedoch einen neuen Impuls setzten und gab ab Februar wieder dem ehemaligen Stammkeeper Rune Jarstein, 36, den Vorzug. „Ich habe ein paar Tage gebraucht, um das zu verdauen“, gab Schwolow unumwunden zu. 

Tatsächlich ging es für den Blondschopf bisher stets steil nach oben. Umso bemerkenswerter wie Schwolow die zwischenzeitliche Degradierung annahm: „An so einer Situation kannst du wachsen“, sagte er und erklärte: „Ich habe dann in den Kämpfermodus geschaltet, im Training noch mehr Gas gegeben, um den Trainer vor schlaflose Nächte zu stellen, wer der bessere ist.“ Geduld war dennoch gefragt: Acht Spiele in Folge erhielt Jarstein den Vorzug – bis der Norweger kurz vor dem Derby schwer an Covid-19 erkrankte und diese Saison nicht mehr zurückkehren wird. „Als Rune krank wurde, musste ich nicht überlegen“, erklärte Dardai und lobte Schwolow. „Ich hatte zwar keine Probleme mit dem Einschlafen, aber Alex hat vom ersten Tag gut trainiert.“

Schwolows Einstellung imponierte Dardai. „Ich habe ihm am ersten Tag angeboten: ,Wenn du die Schnauze voll hast, kommst du zu mir‘“, verriet der Ungar. Doch Schwolow akzeptierte die Entscheidung, ordnete sein persönliches Schicksal für das gesamte Team unter. „Er musste leiden, so ist der Fußball. Aber er ist nicht nur als Sportler, sondern auch als Mensch intelligent. Respekt“, lobte Dardai.

Das beweist Schwolow seitdem er wieder im Tor steht. Beim 1:1 in Mainz zeigte er womöglich seine beste Leistung als Berliner, hielt Hertha insbesondere in der Anfangsphase mit starken Paraden im Spiel. Daran will er auch im Duell mit den ehemaligen Kollegen anknüpfen, aus dem er keine große Sache machen will. Gelingt die Revanche für das Hinspiel (1:4), rückt der Klassenerhalt einen großen Schritt näher. Schwolow verspricht alles für sein doppeltes Hertha-Happy-End zu geben, um nächste Saison als Stammkeeper weiter in der Bundesliga zu spielen: „Klar bin ich besonders heiß auf das Spiel und freue mich auf das Wiedersehen. Aber auf dem Platz ist keine Zeit für Freundschaften. Es geht auch nicht um mich. Wir brauchen Punkte. Alles andere ist irrelevant.“

Weiter ohne Lukebakio und Plattenhardt

Dass das gegen Freiburg kein Selbstläufer wird, weiß Dardai. „Wenn wir ehrlich sind, hatten wir oft Probleme gegen Freiburg“, erinnerte er sich. Damit seine Spieler nur 72 Stunden nach dem Remis in Mainz sowohl gegen den Sportclub als auch am Sonntag gegen Arminia Bielefeld über genügend Kräfte verfügen, will Dardai die Belastung steuern. „Es wird eine Rotation geben, aber wie die aussieht, weiß ich jetzt noch nicht“, sagte Dardai, der neben Talent Luca Netz (Mittelfußbruch) auf die zuvor an Covid-19 infizierten Dodi Lukebakio und Marvin Plattenhardt verzichten muss.

Die Herangehensweise ist dagegen klar. „Wir werden offensiv in die Partie gehen. Top oder Flop“, erklärte Dardai, der lediglich hofft, dass die Causa Lehmann die Spieler nicht weiter beschäftigt. „Ich möchte nicht so viel darüber reden“, sagte er, nachdem er zuvor das konsequente Handeln des Klubs begrüßte. „Wir haben nicht gespürt, dass Jens Lehmann bei uns oder eng an der Mannschaft dran ist. Wir müssen uns konzentrieren aufs Fußballspielen, nicht darauf, was drum herum passiert.“