Neuruppin - Den Urlaub in seiner Heimat hat Pal Dardai offensichtlich ausgiebig genossen. Herthas Cheftrainer, knackig braun gebrannt, wirkt in der ersten Woche der Vorbereitung auf die neue Saison im Trainingslager entspannt, sogar gelöst. „Gutes Wetter und gutes Essen. Die freie Zeit hatte ich mir auch verdient“, blickte Dardai auf die späte, vor allem kräftezehrende Rettung von Hertha BSC nach der Corona-Quarantäne zurück. Gleichzeitig weiß der Ungar, dass das, was vor ihm liegt, nicht weniger Arbeit bedeutet: Wie schon 2015, als er die Berliner schon einmal vor dem bitteren Gang in die Zweite Liga bewahrte, muss Dardai Hertha erneut wiederbeleben, sein Team für die kommende Spielzeit auf- und vor allem neu ausrichten.

Die Grundlagen dafür wollen die Blau-Weißen im brandenburgischen Neuruppin legen. Anders als sein Vorgänger Bruno Labbadia, der während der Corona-Pandemie auf ein Trainingslager verzichtete und sechs Wochen lang rund um die Hanns-Braun-Straße trainieren ließ, setzt Dardai auf gleich zwei Camps. Nach dem Lauftrainingslager in der Fontane-Stadt zieht es Hertha Ende Juli nach Österreich. In Leogang im Salzburger Land stehen dann vor allem taktische Dinge im Fokus. Übergeordnet sollen beide Reisen dazu dienen, den zuletzt wenig ausgeprägten Teamgeist wiederzubeleben.

Lucas Tousart reist aus Herthas Trainingslager ab

Während die Herthaner derzeit jeden Nachmittag von Athletik-Trainer Henrik Kuchno getrimmt werden, versucht Dardai, die Vormittagseinheiten im örtlichen Volksparkstadion bewusst lockerer zu gestalten. Hier ein Plausch, dort ein lockerer Spruch. „Das brauchen wir auch. Später tauschen wir die Bälle gegen Medizinbälle. Dann ist der Spaß vorbei“, erklärte Dardai mit einem Schmunzeln.

Finster wird Dardais Miene nur, wenn er an Olympia denkt. Die verschobenen Sommerspiele in Tokio liegen so ungünstig, dass dafür abgestellte Spieler nicht nur weite Teile der Vorbereitung verpassen, sondern den Klubs womöglich auch in den ersten Pflichtspielen der Saison nicht zur Verfügung stehen. „Ich drücke allen die Daumen. Aber für mich ist es nicht optimal“, erklärte Dardai seufzend und schob hinterher: „Und auch für die Spieler ist es nicht optimal.“

Offiziell wir U21-Bundestrainer Stefan Kuntz erst am Montag seinen Kader nominieren. Dabei scheint klar, dass sowohl Hertha als auch der 1. FC Union je zwei Spieler abstellen: Aus Köpenick werden Max Kruse und Cedric Teuchert dabei sein. Aus Westend Arne Maier und Jordan Torunarigha. Dazu erteilte Hertha auch Lucas Tousart (Frankreich) und Matheus Cunha (Brasilien) die Freigabe.

Arne Maier bereitet Pal Dardai Bauchschmerzen

Besonders bei Maier, der vergangene Saison an Arminia Bielefeld verliehen war und auf der Alm insbesondere in der Rückrunde überzeugte, taten sich die Blau-Weißen schwer. „Es ist verständlich, dass Spieler Olympia spielen wollen, wenn sie die Möglichkeit haben. Wir wollten aber auch als Verein den Verbänden, aber auch den Spielern ein Stück entgegenkommen, ohne unsere eigenen Interessen zu vernachlässigen“, erklärte Sportdirektor Arne Friedrich, der insgesamt von einer „sehr guten Lösung“ spricht.

Dardai sieht es ein bisschen anders. Maiers Berufung bereitet ihm Bauchschmerzen. Der Fußballlehrer weiß, dass eine komplette Vorbereitung dem talentierten Mittelfeldmann aus Ludwigsfelde enorm gutgetan hätte: „Ich sage das ganz deutlich: Die Konstellation, dass er weggeht, ist nicht gut. Er muss zeigen, dass er jetzt einen Stammplatz erobern will, anstatt ein großes Turnier zu spielen. Wenn Arne meint, er muss da hin, dann soll er das machen. Ich wäre glücklicher gewesen, wenn er hierbleibt.“

So sehr sich Dardai ärgert, Hertha hofft dennoch auf eine Win-win-Situation. Denn Maier, erst vor vier Wochen als Kapitän der U21 Europameister geworden, könnte seinen Sommer beim Tokio-Turnier mit einer Olympiamedaille krönen und dann mit noch breiterer Brust nach Berlin zurückkehren. Friedrich: „Das Selbstvertrauen, das er durch die Turniere bekommt, ist auch für uns gut.“