Berlin-Westend - Henrik Kuchno ist bei Hertha BSC derzeit der Mann der Stunde. Der Athletik-Trainer der Berliner hat während der 14-tägigen häuslichen Quarantäne das Kommando von Chefcoach Pal Dardai übernommen. Zweimal am Tag über fast 90 Minuten schwitzen die Hertha-Profis regelmäßig unter seiner Anleitung zu Hause im Cyber-Training. „Es ist eine Gratwanderung von der Beanspruchung“, sagt Kuchno nach der ersten Woche im virtuellen Mediengespräch, um für das Mammutprogramm im Mai mit sechs Spielen in drei Tagen gerüstet zu sein: „Grundsätzlich sind wir auf einem guten Weg.“

Keine Bauschmerzen bereitet ihm die Kondition der Spieler. „Was spannend wird“, sagt Kuchno, „sind die intensiven fußballspezifischen Sachen wie schnelle Richtungswechsel, Abstoppen oder Sprints.“ Da sich diese Dinge nicht simulieren lassen, rechnet Kuchno mit Verletzungen zum Restart. „Ich habe keinen Zauberstab. Sicherlich wird uns irgendwas passieren“, erklärt er.

Damit die Spieler die bevorstehende Belastung so gut es geht verkraften, greift Kuchno neben zwei Apps, die ihm Daten wie Herzfrequenz und gelaufene Kilometer liefern, auch auf seine kreativen Ideen zurück. „Es kommt immer auf die Möglichkeiten zu Hause an. Manche haben einen Garten, bei anderen müssen Möbel verrückt werden oder in die Tiefgarage ausgewichen werden“, berichtet er.

Sportverbot für Plattenhardt und Lukebakio

Der 47 Jahre alte Fitnesstrainer wird dabei von den Profis geschätzt wie gefürchtet. Vor allem in der Saisonvorbereitung heizt Kuchno mit seiner tiefen, basslastigen Stimme den Spielern mächtig ein, sodass diese ganz offen von einer „Hassliebe“ zu ihm sprechen. Davor bleiben sie derzeit anscheinend verschont. „Ich brülle gerne live auf dem Platz und nicht vor dem Computer durch das Mikro“, erklärt Kuchno und berichtet mit einem Schmunzeln. „Bei manchen Einheiten machen sogar die Familienmitglieder der Spieler mit. Vielleicht habe ich doch einen anderen Ruf, als man glaubt.“ Den Gute-Laune-Onkel will Kuchno aber nicht spielen. „Dafür bin ich auch nicht bekannt“, sagt er trocken und macht noch mal klar, dass die blau-weiße Stunde der Wahrheit, insbesondere nach den jüngsten Siegen von Köln und Bielefeld, geschlagen hat: „Es bleibt keine Zeit für Befindlichkeiten. Wir müssen Spiele gewinnen.“

Während die blau-weiße Trainingsgruppe also teilweise größer wird, haben die an Covid-19 erkrankten Profis ein Sportverbot. Bei Torhüter Rune Jarstein, der sich aufgrund seines schweren Krankheitsverlaufs temporär in der Charité behandeln ließ, sei an eine Rückkehr vorerst nicht zu denken. „Wir hoffen, dass er in der nächsten Zeit auch ohne Sport auf die Beine kommt. Ich glaube, da hat er genug zu tun“, sagt Kuchno. Realistischer sei das Mitwirken im Abstiegskampf von Offensivspieler Dodi Lukebakio und Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. „Wir müssen sehr vorsichtig sein“, erklärt Kuchno, der sich an die Vorgaben der Wissenschaftler halten will, „wie man nach einer Corona-Erkrankung das Training wieder aufnehmen darf, kann und soll.“