Berlin - Die Ersatzspieler sprangen auf, ballten ihre Hände zu Fäusten. Der neue Manager, Arne Friedrich, fiel dem neuen Trainer, Pal Dardai, um den Hals. Und auf dem Spielfeld versammelten sich die plötzlich euphorisierten Profis in Blau und Weiß flugs zum Torjubel um Krzysztof Piatek. Der Pole hatte soeben nach Vorarbeit von Matheus Cunha zum 1:o für Hertha BSC getroffen, mit einem scharfen Schuss aus 14 Metern, der vom Innenpfosten ins Netz klatschte. Man schrieb die 66. Minute - und für einen Moment waren die Berliner im Duell mit den zuvor überlegenen Frankfurtern obenauf. Sie waren voller Hoffnung.

Das könnte er doch gewesen sein, der Befreiungsschlag beim Comeback von Dardai als Übungsleiter des Hauptstadtklubs, der Aha-Effekt auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Dann allerdings ging alles ganz schnell, 60 Sekunden nach dem Glücksmoment kam Eintrachts Filip Kostic an den Ball, flankte vors Hertha-Tor, wo André Silva frei zum Kopfball kam und gekonnt zum Ausgleich traf. Doch damit nicht genug: Sechs Minuten vor dem Spielende nutzte Florian Hinteregger nach einer Flanke von Almamy Toure eine weitere Unachtsamkeit der Herthaner zum 2:1 für die Gastgeber. Silva verwandelte schließlich in der Nachspielzeit auch noch einen Foulelfmeter, nachdem er selbst von Cunha im Strafraum zu Fall gebracht worden war.

Wir sind zu Torchancen gekommen, wir haben das Tor gemacht. Das sah in der zweiten Halbzeit schon besser aus. Aber dann bekommen wir zwei Tore, bei denen wir einfach besser verteidigen müssen.

Pal Dardai

Frankfurt bleibt also in der Bundesliga so etwas wie die Mannschaft der Stunde, während Dardai als Verlierer vor die Kamera musste. Der Ungar sagte: „Wir sind zu Torchancen gekommen, wir haben das Tor gemacht. Das sah in der zweiten Halbzeit schon besser aus. Aber dann bekommen wir zwei Tore, bei denen wir einfach besser verteidigen müssen. Und nach dem 1:0 müssen wir einfach cleverer sein. Diese Mannschaft ist noch immer vogelwild."

Pal Dardai ist für die Journalisten, die den Hauptstadtklub begleiten, zumindest als Schlagwort-Lieferant ein Geschenk. So sprach er zu Beginn der Woche von Alligatoren, die er zu bändigen habe. Die Hertha-Profis hätten in den vergangenen Monaten ja der Reihe nach ein paar Trainer „aufgefressen“, witzelte er, man könnte auch sagen, sie haben so schlecht gespielt, dass die Übungsleiter Covic, Klinsmann, Nouri und zuletzt Labbadia schnell wieder ihren Job los waren.

Das Bild von den gefräßigen Alligatoren ist natürlich etwas schief, lässt sich aber doch ganz wunderbar für so einen Spielbericht verwenden. Man kann zum Beispiel mit folgender Frage einsteigen: Hatten die Herthaner dieses Mal Biss? Die Antwort lautet: Ja, allemal.

Da war von Beginn an sehr viel Bewegung drin, sehr viel Leidenschaft, was auch notwendig war, um die erste Angriffswelle der formstarken Frankfurter schadlos zu überstehen. Um Rune Jarstein nicht gleich in allzu große Verlegenheiten kommen zu lassen. Ja, der 36 Jahre alte Jarstein, der offensichtlich einer der Profiteure des Trainerwechsels ist und anstelle von Alexander Schwolow das Tor der Blau-Weißen hütete.

Coach Dardai setzt auf Youngster Lucas Netz

Auch Lukas Klünter war neu im Team, gab für Peter Pekarik den Rechtsverteidiger und kam so wie Jarstein zu seinen ersten Bundesligaminuten in dieser Saison. Jordan Torunarigha verteidigte anstelle von Omar Alderete, Santiago Ascacibar durfte im Mittelfeld an der Seite von Lucas Tousart und Matteo Guendouzi ran, während Vladimir Darida nur als Ersatzspieler aufgeboten worden war. Genauso wie Maxi Mittelstädt, den man für den angeschlagenen Marvin Plattenhardt auf der Position des Linksverteidigers erwartet hatte. Aber nein, Dardai schenke Youngster Luca Netz das Vertrauen.

Das 17 Jahre junge Eigengewächs ist ein Guter, weiß, was in der Rückwärtsbewegung zu tun ist, traut sich unter den Profis auch in der Vorwärtsbewegung etwas zu. Sein Schuss in der zwölfte Minute aus spitzem Winkel, Guendouzi hatte schlau auf Netz weitergeleitet, war wuchtig, aber nicht platziert genug, was den mitgelaufenen Matheus Cunha und Krzysztof Piatek Anlass zur Klage gab. Ein Querpass wäre ja tatsächlich auch gar keine schlechte Option gewesen. Netz wurde in der Halbzeitpause aus taktischen Gründen durch Mittelstädt ersetzt.

Aber zurück zu Jarstein, der an diesem winterlichen, von Schneetreiben begleiteten Fußballnachmittag in der Frankfurter Arena trotz der Bemühungen seiner Vorderleute in eine Hauptrolle gedrängt wurde. Das konnte Dardai nicht gefallen, andererseits durfte er sich in seiner Entscheidung pro Jarstein bestätigt fühlen. In der 28. Minute wehrte der Norweger aus kurzer Distanz mit einem klasse Reflex einen Schuss von Daichi Kamada ab, in der 43. Minute brachte er noch seine Finger an den Ball, als André Silva nach einer gekonnten Körpertäuschung an Torunarigha vorbei aufs lange Eck gezielt hatte. Bei den Gegentoren zum 1:1 und 1:2 aus Hertha-Sicht war er aber chancenlos.

Augenfällig war in der zweiten Hälfte, dass Klünter bei dem Versuch, Kostic auszubremsen, immer größere Probleme bekam. Da ein leichtsinnig geführter Zweikampf, dort ein kleiner Stellungsfehler, schon ergaben sich Torchancen für die Gastgeber. Wie beim Treffer zum 1:1, der letztlich die Wende brachte.