Berlin - Dass ein Fußballlehrer als Cheftrainer zum zweiten Mal die Verantwortung für die Profimannschaft eines Vereins übernimmt, ist eher die Ausnahme, kann allerdings für beide Seiten zum Vorteil sein. Der FC Bayern beispielsweise hat mit dieser Volte beste Erfahrungen gemacht. Siehe Udo Lattek, siehe Ottmar Hitzfeld, siehe im Besonderen Jupp Heynckes, der sein zweites (2009), drittes (von 2011 bis 2013), aber auch sein viertes Engagement (von 2017 bis 2018) bei den Münchnern auf eindrucksvolle Art und Weise zu nutzen wusste. Um a) seinen Kumpel Uli Hoeneß glücklich zu machen und b) seiner eigenen Karriere als Trainer ein grandioses Finale zu verschaffen. Auch Schalke 04 und Huub Stevens konnten nie so richtig voneinander lassen, genauso wenig wie der 1. FC Köln und Christoph Daum, bezüglich der beiden letztgenannten Fälle kommt aber einem schon eher eine Weisheit aus der Paarforschung in den Sinn, sie lautet: „Aufgewärmt schmeckt nur Gulasch gut.“

Was das mit dem Hertha BSC zu tun hat? Nun, der Bundesligist hat am Montagnachmittag den Ungarn Pal Dardai als neuen Cheftrainer vorgestellt. Einen 44 Jahre alten Mann, der im Westen der Hauptstadt schon mal als die große Identifikationsfigur gefeiert wurde, vom Februar 2015 an bis in den April 2019 ohne Lars-Windhorst-Millionen mit ordentlichem Fußball ganz ordentliche Ergebnisse erzielte, aber eben nicht mehr. Der letztendlich nicht als der Richtige erachtet wurde, um aus einem Großstadt-Klub - wie vom Investor gewünscht - einen Big-City-Club zu machen.

An seiner statt wurde im darauffolgenden Sommer bekanntermaßen Ante Covic vom Jugendcoach zum Leiter des Projekts Hertha-Spektakel 2.0 befördert, mit der Konsequenz, dass man sich bei den Blau-Weißen schon im November zum „Coup“ mit Jürgen Klinsmann gezwungen sah. Auf den schwatzhaften Schwaben folgte dessen harmloser Assistent Alexander Nouri, auf ebendiesen der so engagierte wie überforderte Bruno Labbadia. Und jetzt eben wieder Dardai, der nach seiner Demission in Berlin ein paar eher mäßig attraktive Angebote vorliegen hatte (1. FC Köln), sich dann aber doch lieber wieder (wie schon von 2012 bis 2015) bei Hertha BSC als Förderer des Nachwuchses einbrachte.

Die Vertragslaufzeit überrascht

Was ein wenig überrascht, ist die vertraglich fixierte Dauer der neuen Verabredung zwischen der Hertha und Dardai. Bis 2022 läuft der Kontrakt. Dardai, der am Dienstag erstmals am Schenkendorffplatz das Training leiten wird, arbeitet also nicht nur ad interim, um beispielsweise einem Ralf Rangnick den Weg zu bereiten, wie zunächst vermutet wurde. Nein, ein ehemals Gescheiterter soll den von Carsten Schmidt, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, propagierten Neustart initiieren. Wenngleich man wohl nie erfahren wird, ob der Verein auf diese Eckdaten des Arbeitspapiers drängte oder Dardai eine längerfristige Bindung zur Bedingung für sein Ja-Wort gemacht hat.

Ich brauche aber auch niemandem zu erklären, was Hertha BSC für mich bedeutet, daher war es gar keine Frage für mich, dass ich in dieser Situation aushelfe.

Pal Dardai

In einer offiziellen Mitteilung des Vereins gab er jedenfalls Folgendes zum Besten: „Das war sicher nicht mein Plan, dass ich nun wieder von der U16 auf die Trainerposition bei den Profis wechseln werde. Ich brauche aber auch niemandem zu erklären, was Hertha BSC für mich bedeutet, daher war es gar keine Frage für mich, dass ich in dieser Situation aushelfe. Ich freue mich auf diese Aufgabe und die Zusammenarbeit mit der Mannschaft.“ Schmidt wiederum ließ verlauten, dass „wir mit Pal Dardai den Trainer für uns gewinnen konnten, der bereits nachgewiesen hat, dass er eine Mannschaft in einer für Hertha BSC herausfordernden Situation führen und stabilisieren kann, als eingefleischter Herthaner hier jeden kennt und keine Eingewöhnungszeit braucht“. Man sei überzeugt, „dass er mit seiner klaren Art der Mannschaft den nötigen neuen Impuls geben wird“.

In der Beobachtung des blau-weißen Durcheinanders dürfte Dardai jedenfalls hin- und hergerissen gewesen sein. Da der geschasste Trainer, der durch das Scheitern seiner Nachfolger, im Besonderen aber durch das Scheitern seines „Entlassers“ Michael Preetz eine Genugtuung erfährt. Und womöglich auch von der Überzeugung bewegt wird, dass er mit den neuen, sündhaft teuren Spielern weitaus mehr erreicht hätte als nichts. Hier der „echte Herthaner“, der von der Sorge um seinen Herzensverein geplagt wird. Alles dreht sich in der Fußballerfamilie der Dardais, die im Westend heimisch geworden ist, nämlich letztlich um diesen Verein.

Seine Söhne spielten, beziehungsweise spielen allesamt für Hertha BSC. Palko, 21, der älteste, ein Mittelfeldspieler, der unter seiner Anleitung in der Bundesliga debütierte, nun aber die Farben des ungarischen Spitzenklubs Fehervar FC trägt. Marton, 18, der zweitälteste, ein Verteidiger, der im aktuellen Profi-Kader steht und im November vergangenen Jahres erstmals in der höchsten Spielklasse ran durfte. Und Bence, 14, der jüngste, ein Stürmer, der womöglich sogar der talentierteste Dardai ist, Papa Pal inklusive, der aufgrund seiner 286 Bundesligaeinsätze für Hertha BSC als „Rekordspieler“ bezeichnet werden darf. 

Gemeinsam mit Andreas „Zecke“ Neuendorf, 45, und Admir Hamzagic, 35, die ihm als Assistenten zuarbeiten werden, soll Dardai nun alsbald ein Team, das zuletzt ohne Fortune, vor allen Dingen aber auch ohne zielführenden Matchplan über die Spielfelder der Bundesliga geisterte, in ein erfolgreiches Team verwandeln. Zugleich soll er aber auch im Zusammenspiel mit Arne Friedrich, der sich als Nachfolger von Preetz in der Rolle des Managers versuchen darf, die Wut der Fans auf Verein, Vorstand und Investor dämpfen. Hinsichtlich dieser kurzfristigen Zielsetzung ist Dardai auf jeden Fall eine vernünftige Wahl, doch sind durchaus Zweifel angebracht, ob er für Hertha auch das sein kann, was Heynckes für die Bayern stets war, nämlich nicht nur ein Krisenmanager, sondern der Mann fürs ganz große Happy End.