Berlin - Das Seelenleben eines Trainers ist manchmal Schwankungen ausgesetzt. Sie werden massiver, wenn die Mannschaft im Abstiegskampf steckt. Und sie sind noch extremer, wenn es um das Team von Hertha BSC geht. Cheftrainer Pal Dardai hatte vergangenen Donnerstag noch gesagt: „Der Teamgeist ist wieder besser, die Mannschaft steigert sich. Ich fühle mich wohl. Es ist jetzt ein anderes Gefühl, als noch im Januar, als ich angefangen habe.“ Zwei Tage und ein 0:2 in Dortmund später, klingt der Coach schon wieder ganz anders.

„Die hintere Kette funktioniert. Da haben sie alles gut gemacht. Doch dann kommen die Bälle nach vorne und es passiert nicht viel. Das ist nicht okay. Da mache ich mir Sorgen. Darüber werde ich mit den Jungs am Dienstag reden“, meint Dardai. Der Krisenmodus ist zurück.

Hertha-Trainer Pal Dardai vermisst den Elan

Der Ungar kritisiert besonders die zweite Halbzeit beim BVB. Denn er hatte für die Hammeraufgabe einen Plan. Erste Halbzeit zurückziehen, kompakt stehen, den Dortmundern keinen Raum geben. Das ging auch gut. Dortmunds Wunderstürmer Erling Haaland wurde kaltgestellt. Der Norweger resignierte schon nach einer halben Stunde, weil er keine vernünftigen Pässe bekam.

Für den zweiten Durchgang wollte Dardai mehr in den Angriff gehen. Er wechselte Stürmer Dodi Lukébakio für den defensiveren Marvin Plattenhardt und Flügelflitzer Mathew Leckie für Deyovaisio Zeefuik in der 58. Minute ein. Doch statt besser wurde Herthas Spiel schlechter. „Wir hatten keine Torchance in der zweiten Halbzeit. Da fehlt etwas. Wir spielen hinten gut raus, das Umschaltspiel war da, aber wir bringen Angriffe nicht konsequent zu Ende. Da fehlt mir der Mut. Die Spieler waren blockiert. Wir müssen mit Elan und Begeisterung nach vorne spielen“, fordert Dardai.

Der Ungar hat in sieben Wochen, die Defensive umgekrempelt und stark verbessert. Doch er steht jetzt vor demselben Problem wie sein Vorgänger Bruno Labbadia. Der Sturm zeigt sich weiterhin nicht bundesliga-tauglich, obwohl alle Offensivkräfte als Einzelspieler überdurchschnittlich gut sind. Dardai analysiert die Lage messerscharf: „Wir trainieren seit Wochen nicht mehr viel für die Defensive, weil sie in Ordnung ist. Defensive ist Disziplin und Wille. Offensive ist Können. Da üben wir die ganze Zeit. Im Training sieht das auch gut aus, da sind alle locker. Doch dann im Spiel nicht mehr.“

Die Nerven und das Selbstbewusstsein hätten eigentlich nach dem wichtigen 2:1-Heimsieg gegen Augsburg vor einer Woche gestärkt sein müssen. Doch das waren sie in Dortmund bei der blau-weißen Offensivabteilung nicht. Das ist das größte Problem mit Abstiegspotenzial, das sogar mit dem Taschenrechner ermittelt werden kann. Die Abwehr kann noch so gut sein und keine Gegentore mehr kassieren. Wenn der Sturm aber nicht trifft, geht jedes Spiel 0:0 aus. Dann hätte Hertha bei neun Restspielen am Ende nur 30 Punkte. Das wird höchstwahrscheinlich nicht für den Klassenerhalt reichen.

Wie ist Rot-Sünder Vladimir Darida zu ersetzen?

Dardai ist enttäuscht und betont: „Aber ich mache jetzt keine Panik, ich bleibe ruhig.“ Auch Torhüter Rune Jarstein, der beim 0:1 durch Jude Bellingham schlimm patzte, und Rot-Sünder Vladimir Darida, der Marco Reus böse umgrätschte und damit die Chance auf einen Ausgleich maximal minimierte, nahm er in Schutz. „Die beiden sind über 30 Jahre alt und erfahren genug. Die werden das abschütteln. Bei Vladi ist nur die Frage, wie lange er jetzt gesperrt wird“, so der Trainer.

Das Fehlen des Tschechen wird das nächste Problem. Wie bestückt Dardai am Sonntag gegen Leverkusen das Mittelfeld? Denn mit zwei Spielern war er schon vor der Niederlage in Dortmund nicht zufrieden. Santiago Ascacibar und Matteo Guendouzi strich er aus dem Kader. Dardai deutet nur an: „Wenn jemand sich körperlich oder mental nicht gut fühlt, fährt er nicht mit. Ich brauche nur Spieler, die auch psychologisch mit der Situation umgehen können.“ In Dortmund spielte Maxi Mittelstädt als Sechser und auf der Bank saß der 19-jährige Nachwuchsspieler Jonas Michelbrink.

Die Entscheidungen von Pal Dardai werden härter

Dardai hat in den Wochen zuvor viel gelobt, jetzt werden aber seine Entscheidungen härter. Am Dienstag wird er einen raueren Ton wählen, wenn er mit den  Spielern spricht. Der Fakt, dass Abstiegskonkurrent Bielefeld mit 2:1 in Leverkusen gewann und sich dadurch Hertha zum ersten Mal in der Saison auf Relegationsplatz 16 befindet, macht die Laune des Trainers nicht besser.