Berlin-Westend - Viel zu lachen hat Pal Dardai in seiner zweiten Amtszeit als Cheftrainer von Hertha BSC bisher wahrlich nicht. Vielmehr sorgte die dürftige Vorstellung seiner Mannschaft beim 1:1 in Köpenick gegen den 1. FC Union für mächtig Frust. Dardai wäre allerdings nicht Dardai, wenn der 45 Jahre alte Ungar am Montag in einer Medienrunde nicht schon wieder zu Scherzen aufgelegt gewesen wäre. 

Auf die Frage, wer im kommenden Spiel gegen Borussia Mönchengladbach den nun gelbgesperrten Mittelfeldmann Lucas Tousart ersetzt, riss sich Dardai die Jacke vom Leib, ballte die Fäuste und sagte: „Endlich! Der beste Sechser sitzt hier. Ich bin der Torgefährlichste von allen.“ Für sein Comeback habe er die Verwarnung Tousarts sogar extra eingefädelt. „Ich habe dem Schiri gesagt: Jetzt kommt ein geiles Heimspiel gegen Gladbach – jetzt will ich mitspielen", erklärte er augenzwinkernd.

Direkte Duelle entscheidend

So heiter Dardais Auftritt war, so ernst ist die Lage bei Hertha BSC. Um gegen Gladbach, vor allem aber in den danach noch ausstehenden sechs Partien gegen die direkte Konkurrenz die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu sammeln, muss er mit seinem Trainerteam Lösungen finden. Dass die Lage bedrohlich bleibt, weiß Dardai natürlich auch. Lediglich zwei Zähler trennen die Berliner von einem direkten Abstiegsplatz. „Wir dürfen jetzt gegen Bielefeld, Köln und so weiter nicht verlieren“, sagte Dardai und kam zur Erkenntnis: „Vielleicht müssen wir sogar gewinnen.“ 

Dass das alles andere als ein Selbstläufer wird, bewies der blau-weiße Auftritt in Köpenick. Vielmehr war das Derby für Hertha eine gefährliche Blaupause für die noch ausstehenden Partien. Denn trotz des 3:0-Siegs gegen Leverkusen im Rücken wirkte sein Team gehemmt, ja fast wie gelähmt. Nach vielen technischen Fehlern und Unkonzentriertheiten zu Beginn des Spiels ließ Hertha Union durch Robert Andrich (10.) in Führung gehen und wachte erst auf, als Dodi Lukebakio (35., Foulelfmeter) ausglich – nur um in der zweiten Halbzeit das Offensivspiel nahezu völlig einzustellen. „Für die Zuschauer war das nicht schön. Von beiden Teams“, räumte Dardai ein.  

Was tatsächlich ursächlich für fehlendes Tempo und Tiefe im Spiel seiner Elf war, gibt Dardai Rätsel auf. Er wisse im Moment nicht, was in den Köpfen seiner Spieler los sei. „Vielleicht haben sie auf die Tabelle geguckt: Oh, jetzt müssen wir gewinnen und dann sind wir vier Punkte weg. Denn sie waren völlig blockiert", stellte er fest. Entsprechend war auch die an den Tag gelegte Disziplin Dardai ein Dorn im Auge. „Wenn einer nicht mit macht, haben wir ein Problem. Und wenn zwei nicht mitmachen, haben wir große Probleme“, erklärte Herthas Coach auch angesichts der fast sieben Kilometer, die sein Team weniger rannte als Union.

Horror-Szenario Zweite Liga 

Wie schwer es wird, den Bock umzustoßen, insbesondere wenn Hertha in den kommenden Spielen selbst das Kommando übernehmen muss, deutet Dardais Einschätzung über die Qualitäten des Kaders an. Nachdem er das Amt von Bruno Labbadia Ende Januar übernahm, wurde er nicht müde zu betonen, „dass diese Mannschaft nicht für Ballbesitz-Fußball gemacht ist“.

Um dennoch das Horror-Szenario Zweite Liga zu vermeiden, will Dardai in dieser Woche viel reden. Auf einen ausgiebigen Monolog des Trainers müssen sich seine Spieler allerdings nicht einstellen. Dardai will seine Profis mitnehmen. „Ich muss sie mit einbeziehen. Sonst ist das wie in der Schule. Wenn der Lehrer sagt, dieses Buch muss gelesen werden, liest es doch keiner. Aber ein paar Jahre später stellen alle fest, was für ein gutes Buch es eigentlich ist“, erklärte Dardai seinen pädagogischen Ansatz, um seine Spielphilosophie zu vermitteln.  

Auf das weiterbildende Seminar wird Rune Jarsein verzichten müssen. Herthas Torhüter befindet sich aufgrund eines positiven Covid-19-Tests weiter in Quarantäne und wird nach dem Derby auch das Spiel gegen Mönchengladbach verpassen. Gar nicht mehr auf dem Platz wird Dedryck Boyata in dieser Saison stehen. Herthas Abwehrchef, seit Dezember verletzt, spielte in der vergangenen Woche 45 Minuten für Belgien und zog sich nach seiner Rückkehr wohl aufgrund des Kaltstarts einen Muskelfaserriss zu und somit den Zorn Dardais auf sich. 

Ein Faustpfand im Abstiegskampf könnte dagegen der seit Wochen praktizierte Schulterschluss mit den Fans sein, die, anders als in anderen Krisenjahren und trotz der dürftigen Auftritte, hinter ihrer Mannschaft stehen und Dardai und seine Spieler auch am Ostersonntag bei der Westend-Rückkehr mit Applaus empfingen.