Das Hertha-Dilemma: Wird man schon hochgelobt, wenn man nicht 0:6 verliert?

Acht Zähler – und nur ein Sieg – sind vier Punkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt der desaströsen Vorsaison. Schönreden hilft Hertha auch nicht weiter.

Der Ausflug zu RB Leipzig endet für Hertha BSC ohne Punkt.
Der Ausflug zu RB Leipzig endet für Hertha BSC ohne Punkt.imag/Michael Taeger

Zu Beginn dieser Kolumne muss ich Abbitte leisten. Vor allem bei Herthas Innenverteidiger Marc-Oliver Kempf. Der hatte nach der 2:3-Niederlage bei RB Leipzig trotzig Folgendes gesagt: „Jeder, der das Ergebnis zur Halbzeit gesehen hat, ist davon ausgegangen, dass wir mit vier, fünf Dingern nach Hause gehen. Wir haben viele Leute des Besseren belehrt.“

Zu diesen Leuten gehörte auch ich. Nachdem es zur Halbzeit bereits 3:0 für RB Leipzig stand, wollte ich den Liveticker, den ich zuvor minutiös verfolgt hatte, nicht mehr anschalten. Sorry! Das Lob, dass danach auf die Hertha-Spieler nach ihrer bravourösen Aufholjagd einprasselte, war berechtigt. Dennoch frage ich mich: Wird man schon hochgelobt, wenn man nicht 0:6 verliert wie beim letzten Auftritt im September 2021 in Leipzig – sondern nur 2:3?

Wer es mit Hertha hält, ist hin und her gerissen

Wer es mit der Hertha hält, ist in diesen Tagen hin und her gerissen. Man freut sich über engagierte, kämpferische Auftritte, über spielerische Fortschritte, aber der Ärger über die vielen liegen gelassenen Punkte ist ebenfalls groß. Acht kümmerliche Pünktchen nach zehn Spielen – fast ein Drittel der wegen der WM im Winter logistisch komplizierten Saison sind gespielt –, das ist ganz einfach zu wenig. Meist ist zu diesem Zeitpunkt ein Trend zu erkennen, der aber natürlich noch gedreht werden kann.

Acht Zähler – und nur ein Sieg –, das sind vier Punkte weniger als zum gleichen Zeitpunkt der desaströsen Vorsaison, die nicht immer als Maßstab für die aktuellen Auftritte herhalten darf. Ich will nicht den Spielverderber geben, aber dennoch warnen. 2011/12 lag Hertha mit 13 Punkten nach zehn Spieltagen im gesicherten Mittelfeld, brachte sich mit hausgemachten Problemen und vier Trainern in die Bredouille – und stieg in der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf ab. Niemand glaubte nach zehn Spielen an den folgenden Absturz.

Natürlich beweist die Mannschaft, die 100 Prozent mehr Leidenschaft zeigt als in der Vorsaison, dass sie konkurrenzfähig ist und die Liga bereichern kann. Auch mir machte es wieder Spaß, die couragierten Heimspiele zu verfolgen – in der Saison 2021/22 dominierte das permanente Kopfschütteln der Kollegen auf der Pressetribüne ob der Auftritte der Blau-Weißen.

Einbrüche blieben unter Trainer Sandro Schwarz aus, oft fehlte das Glück, was typisch ist, wenn man im Tabellenkeller steht. Individuelle Fehler von Filip Uremovic (gegen Frankfurt), Maxi Mittelstädt (gegen Mönchengladbach) oder Oliver Christensen (gegen Freiburg) kosteten Punkte. Zuletzt traf Wilfried Kanga in Leipzig in der 94. Minute nur den Pfosten …

Thorben Marx und Maik Franz äußern Bedenken

Fehlentscheidungen kamen hinzu. Beim 2:2 gegen Leverkusen verweigerte der Referee Hertha einen klaren Handelfmeter, ein Fauxpas, den der DFB später zugab. Es bleiben nur noch fünf Spiele bis zur zehnwöchigen Pause wegen der WM. Wer dann noch mit ganz unten steht, ist psychologisch in keiner guten Situation. Berlin tummelt sich im Umkreis von Stuttgart, Leverkusen, Schalke und Bochum. Man kann davon ausgehen, dass sich Bayer 04 irgendwann aus diesem gefährdeten Zirkel entfernt, der immer kleiner wird.

Bin ich mit meinen Bedenken allein? Ein Anruf bei Thorben Marx, der einst 79 Erstligaspiele für Hertha bestritt. „Man darf trotz der guten Leistungen und der positiven Stimmung im Verein nichts schönreden“, sagte mir der ehemalige Mittelfeldmann, der heute Co-Trainer beim BFC Preussen in der Berlin-Liga ist, „im Fußball geht es noch immer um Punkte.“ Und der einstige Profi Maik Franz („Iron Maik“) ergänzte: „Es waren oft enge Spiele, alarmierend wird es aber, wenn man gute Spiele reihenweise nicht gewinnen kann. Da lauert eine latente Gefahr.“

Um mit einem positiven Ausblick zu enden: Ich glaube fest daran, dass Mittelstürmer Wilfried Kanga, dem wohl jeder endlich einen Treffer gönnt, am Sonntag gegen Schalke nicht den Pfosten trifft, sondern vehement ins Tor von Gelsenkirchen.