Berlin - Am Sonnabend kommt ein Gegner ins Olympiastadion, den die älteren Hertha-Anhänger seit den 1970er-Jahren und einem heftigen Streit im DFB-Pokal nicht mehr beim richtigen Namen nennen und mit „Gelsenkirchen“ titulieren. Es geht um den Tabellenletzten der Liga, den FC Schalke 04, den langjährigen Erzrivalen der Berliner. Die Mannschaft hat seit nunmehr 29 Spielen in Serie saisonübergreifend kein Bundesliga-Duell mehr gewonnen. Deshalb wird sie seit Wochen mit der schlechtesten Truppe der Liga-Geschichte, Tasmania aus Berlin-Neukölln, verglichen. Tasmania, 1965 für die zwangsabgestiegene Hertha aus politischen Gründen in die Liga gehievt, blieb damals 31 Spiele in Serie ohne Sieg.

Schalke aber kommt ausgerechnet mit einem neuen Trainer nach Berlin. Das ist gefährlich für Hertha BSC, denn in der Vergangenheit gefiel sich der Hauptstadtklub oft ungewollt in der Rolle des Aufbaugegners für lange schwächelnde Teams.

Der Mann, der Schalke vor dem drohenden Abstieg bewahren soll, hat sich als erfolgreicher Trainer und auch als Retter bewährt. Der Schweizer Christian Gross, 66, Markenzeichen Glatze, konnte einst 1997/98 Tottenham Hotspur vor dem Abstieg aus der Premier League retten – mit Stürmer Jürgen Klinsmann als wichtigem Ansprechpartner. 2009 bewahrte er den VfB Stuttgart vor dem Sturz in die Zweite Liga und führte die Schwaben in die Europa League.

Nicht Lucien Favre, Marcel Koller oder Daniel Jeandupeux sind die erfolgreichsten Schweizer Fußballlehrer – es ist Gross. Der als verbissen bekannte Mann, geboren und aufgewachsen in Zürich, den stets die Aura autoritärer Härte umgibt, hat sechs Meistertitel in der Schweiz – zwei mit Grasshoppers Zürich und vier mit dem FC Basel – errungen. Dazu konnte er viele Cupsiege sammeln. Den letzten Pokal holte er 2019 mit Zamalek Kairo im Confederations-Cup. Zuvor arbeitete er lange in Saudi-Arabien. Acht Jahre ist es her, dass er in Europa tätig war.

Erst im Mai 2020 hatte Gross im Schweizer Fernsehen seinen Rücktritt als Trainer erklärt, aber immerhin mit dem Zusatz versehen: „Man soll nie nie sagen!“

Was vielleicht nur noch wenige Anhänger wissen, auch Hertha BSC war einmal an Gross interessiert. Im Dezember 2003 suchte Manager Dieter Hoeneß einen Nachfolger für den entlassenen Huub Stevens. Gross stand auf der Kandidatenliste, geholt wurde aber Hans Meyer, der Hertha vor dem Abstieg rettete.

Anpfiff gegen Schalke am Sonnabend um 18.30 Uhr

Hertha BSC muss am Sonnabend (Anpfiff: 18.30 Uhr) unbedingt dem Schweizer seinen Start vermasseln, um nicht selbst in die Bredouille zu geraten und eine Trainerdiskussion um Labbadia in Gang zu setzen.

Kurioserweise gibt es auch in Berlin einen Verein, der Schalke und Gross die Daumen drückt: Oberliga-Spitzenreiter Tasmania 73. Almir Numic, der Präsident von „Tas“, sagte dieser Zeitung: „Weil Schalke unseren Negativrekord bald knacken könnte, sind wir in aller Munde. Wir möchten den Rekord liebend gerne behalten.“ Numic hatte kürzlich ein Institut beauftragt, zu erfassen, welche Fußballvereine in den zurückliegenden fünf Wochen am häufigsten in der Presse vertreten waren. Numic: „Bayern München, Borussia Dortmund und wir als Tasmania!“

Tasmania Berlins Präsident genießt das Spiel

Die Werbung mit dem Negativrekord , die er „Gratispresse“ nennt,  habe „viele Sponsoren wach gemacht“, freut sich Numic. Der Präsident von Tasmania wird das Spiel am Sonnabend „entspannt genießen“, wie er vorgibt. „Eigentlich“, sagt er, „kann uns Schalke genau genommen den Rekord gar nicht nehmen. Wir haben damals 31 Spiele in Serie in einer einzigen Saison nicht gewonnen. Bei Schalke sind die bislang 29 Duelle aber saisonübergreifend.“

Dem Schweizer Trainer Christian Gross wird das egal sein. Er will laut Neuer Zürcher Zeitung die „Intensität des Trainerdaseins“ noch mal spüren und ohne Rücksicht auf Hertha BSC den FC Schalke retten. Erst danach, heißt es, wird er sich wieder ins schöne Engadin zurückziehen, wo in St. Moritz sein Lebensmittelpunkt ist.