Der nicht enden wollende Umbruch bei Hertha BSC sorgt für weitere Unruhe

Auch in diesem Transferfenster wird Manager Fredi Bobic bis zum letzten Tag am Kader basteln. Das erschwert die Aufgabe von Trainer Sandro Schwarz.

Herthas Manager Fredi Bobic wird den Spielermarkt weiter sondieren und bis zum Ende des Transferfensters noch tätig werden.
Herthas Manager Fredi Bobic wird den Spielermarkt weiter sondieren und bis zum Ende des Transferfensters noch tätig werden.Imago/Eibner

Zu Beginn eine Frage: Was muss ein Fan von Hertha BSC vor allem besitzen – A) grenzenlosen Optimismus, B) unglaubliche Leidensfähigkeit oder C) den festen Glauben an einen fernen Titelgewinn?

Die Antwort kann derzeit nur B lauten! Seit nunmehr drei Jahren müssen die treuen Anhänger mit Fehlstarts in die Spielzeiten leben und oft bis zuletzt um den Klassenerhalt zittern. Das nervt und geht nicht spurlos an vielen Fans vorbei. Sie sehnen sich nach einer erfolgreichen, kampfstarken Mannschaft und nahbaren Spielern, mit denen man sich identifizieren kann. Das ist oft schwer, weil die Fluktuation im Profikader sehr hoch ist.

Fredi Bobic bereitet alle auf eine Geduldsprobe vor

Nun endet in dieser Woche erneut eine Transferperiode. Am Donnerstagabend um 18 Uhr wird für die Bundesligisten das Transferfenster geschlossen. Ich bin sicher, wenn diese Kolumne erscheint, hat Sportchef Fredi Bobic weitere Profis verkauft oder ausgeliehen und ein, zwei neue Leute geholt. Am Wochenende hat der ehemalige Torjäger den Anhang erneut auf eine harte Geduldsprobe vorbereitet. Bei Bild-TV erklärte Bobic: „Ich habe schon vor einem Jahr gesagt, dass du mindestens zwei Jahre brauchst, damit du diesen Kader bereinigst. Das wird sicher noch ein Jahr dauern.“ Noch ein Jahr? Hat man in der Liga so viel Zeit? Ich glaube nicht.

Ich weiß, Bobic hat an den kostspieligen Hinterlassenschaften seiner Vorgänger – zuvorderst der kurzen gemeinsamen Zeit von Michael Preetz und Jürgen Klinsmann – arg zu knappern, muss den Kader auf ein wirtschaftlich gesundes Niveau reduzieren. Das „spannendste Fußballprojekt Europas“ (so Klinsmann 2019 euphorisch) kostete enorme Ablösesummen und fette Beraterhonorare. Profis wurden mit langen und hoch dotierten Verträgen ausgestattet. Die Nachwirkungen sind bis heute zu spüren. Bobic muss einen satten Transferüberschuss – von rund 25 Millionen Euro ist die Rede – erzielen.

Dennoch: Man muss vielleicht die gegenwärtige Transferpolitik auch kritisch hinterfragen. Viele Spieler wurden und werden erneut erst auf den letzten Drücker geholt. Ein Duell im DFB-Pokal und vier Spieltage in der Liga sind bereits vorbei, und Trainer Sandro Schwarz, unter dem die Mannschaft zumindest spielerische Fortschritte, Kampfgeist und Moral zeigt, weiß noch nicht mal genau, mit welchem Aufgebot er wenigstens bis zum Winter definitiv arbeiten kann. Er sehnt den Transferschluss herbei.

Es findet ein Umbruch ohne Ende statt, der für Unruhe sorgt. Aber: Verpflichtungen im letzten Moment hat auch schon Michael Preetz getätigt. In der Saison 2009/10 holte er am letzten Tag der Wechselperiode mit Adrian Ramos, Florian Kringe und dem Brasilianer Cesar gleich drei Profis. Fredi Bobic angelte sich im Sommer vorigen Jahres auch am letzten Transfertag den Franzosen Myziane Maolida – der bislang nicht überzeugen konnte. Mit Kelian Nsona und Dong-jun Lee sind zwei Winterzugänge dauerverletzt und haben ihre Bundesligatauglichkeit noch nicht unter Beweis gestellt. Einige der Neulinge konnten zudem noch nicht unbedingt zeigen, dass sie viel besser sind als Spieler, die inzwischen verkauft oder ausgeliehen wurden.

Beim 1. FC Union steht der Kader meist vor dem ersten Spieltag

Herthas Agieren steht in Berlin im krassen Gegensatz zum Vorgehen des 1. FC Union. Bobic kann genau sehen, dass in Köpenick vieles richtig gemacht wird. Der Kader steht meist komplett vor dem ersten Spieltag. Auch dort findet stets ein personeller Umbruch statt, der bislang aber zu unglaublichen sportlichen Erfolgen führte. Zugänge werden oft schnell integriert, was bei Hertha oft etwas länger dauert. Warum auch immer.

Vielleicht kann Fredi Bobic trotz aller Zwänge noch einen Coup landen, für eine Überraschung sorgen oder ein Schnäppchen ergattern. Der ehemalige Nationalspieler hat sich einst als Vorstand Sport bei Eintracht Frankfurt den Ruf erworben, auf dem Transfermarkt eine „Trüffelnase“ zu sein. Ich bin gespannt, was er bis Donnerstag, 18 Uhr, noch „zutage fördert“.