Der Schulterschluss mit den Fans ist die größte Errungenschaft bei Hertha BSC

Präsident Kay Bernstein hat alle Lager geeint, die Mannschaft spielt unter Trainer Sandro Schwarz besseren Fußball. Damit sollte Hertha erstklassig bleiben.

Begeistert die Fans und ist sportlich bei Hertha BSC hervorzuheben: Torwart Oliver Christensen.
Begeistert die Fans und ist sportlich bei Hertha BSC hervorzuheben: Torwart Oliver Christensen.City-Press

In den zurückliegenden Tagen gab es einige schlechte Nachrichten für alle, die es mit Hertha BSC halten. Die erste Meldung hat nur auf den zweiten Blick mit Fußball und dem Verein zu tun. Der stadtbekannte Currywurststand von Claudia Rose („Imbiss auf der Olympischen Brücke“), nur wenige Hundert Meter vom Osttor des Olympiastadions entfernt, existiert nicht mehr. Im Moment sind nur noch die abgebauten hölzernen Rest der Bude mit dem einst maroden Charme zu sehen. Die liebenswerte Wirtin, 74, hat nach 35 Jahren die äußerst leckere Wurst aus den Händen gelegt.

Frank Zander und viele Hertha-Profis haben am Kultimbiss gegessen

Am Kultimbiss waren neben unzähligen Fans auch Entertainer Frank Zander, Michael Preetz, Zecke Neuendorf, weitere Hertha-Profis zu Gast – und regelmäßig auch ich. Wenn ich einst mit Kollegen nach Pressekonferenzen bei Hertha auf eine Wurst oder eine Boulette zu Claudia kam, lud sie mich stets zuerst zu einem gemeinsamen Kümmerling ein. Das war ein schönes Ritual. Der Imbiss ist verschwunden und damit auch ein kleines Stück Hertha.

Da beschleicht einen direkt eine weitere Angst: Wird auch der Klub bald aus der Ersten Liga verschwinden – so wie die Wurstbude? Die desaströsen Finanzen – das ist die zweite schlechte Nachricht – und Platz 15 in der Liga könnten an solch ein schlimmes Szenario denken lassen. Aber ich bin Optimist – vor allem nach dem gelungenen Auftritt gegen den 1. FC Köln. Was mich fasziniert hat, war der unglaubliche Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft. Längst feiert nicht nur die Ostkurve die Spieler nach kämpferischen Auftritten, nach dem Schlusspfiff gegen Köln stand das halbe Stadion begeistert auf – die Zuschauer schwenkten ihre blau-weißen Schals und der uralte Schlachtruf „Ha Ho He, Hertha BSC“ schallte durch die Arena.

Für mich hat dieses emotionale „Wir-Gefühl“ mehrere Ursachen. Zuerst ist da der Bernstein-Effekt. Die Fans sehen, dass mit Kay Bernstein einer der ihren der Präsident des Vereins ist, der die Gemeinschaft beschwört. Zudem kämpft die Mannschaft vorbildlich, spielt einen besseren Fußball als in den zwei Jahren zuvor und hat mit Sandro Schwarz einen Trainer, der kein „Professor-Typ“ ist, sondern ein fleißiger Arbeiter. Das kommt an. Und man kann sich darauf verlassen, dass der Anhang besonders eng an der Seite der Profis und der Führung steht, wenn es dem Verein schlecht geht. Das war schon zu Zweitligazeiten (2010/11 und 2012/13) zu erleben, als der Zuschauerschnitt dem in Liga eins nicht nachstand.

Drei Spieler bei Hertha müssen hervorgehoben werden

Dieser angesichts der sportlich enttäuschenden Jahre zuvor nicht selbstverständliche Schulterschluss zwischen Team und Fans ist für mich die größte Errungenschaft der bisherigen Saison. Die Profis treten als enge Gemeinschaft auf, dennoch will ich drei Spieler hervorheben. Da ist der junge Torhüter Oliver Christensen, ein erfrischend mutiger Typ, der das Risiko liebt und mich an Kultkeeper Gabor Kiraly erinnert. Der Däne macht Fehler, gibt sie aber nach dem Spiel sofort zu und eiert nicht rum. Da ist der Franzose Lucas Tousart, der endlich seine Rekordablöse wert ist – ein Berserker auf dem Platz, ein mitreißender Profi. Und da ist mit Dodi Lukebakio ein Angreifer, dessen blitzschnelle und elegante Sturmläufe eine Augenweide sind.

Begonnen habe ich diesen Text mit negativen Nachrichten, jetzt kommen aber noch zwei gute Botschaften hinzu. Die Currywurstbude am Olympischen Platz wird wieder aufgebaut – als Container. Claudia Roses Nachfolger, ein langjähriger Stammgast, durfte die Geheimrezepte für die Currysoßen übernehmen. Vielleicht kann man schon zum brisanten Stadtderby gegen den 1. FC Union am 28. Januar 2023 wieder Würste und Bier genießen. Ganz sicher aber ist: Hymnensänger und Currywurst-Liebhaber Frank Zander bekommt am 5. Dezember das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. Ich bin sicher, auch Hertha bleibt erstklassig – so wie ihr Kultsänger.