Berlin - Seit Jahren setzt sich der Bundesligist Hertha BSC mit der Schärfung eines unternehmerischen Leitbildes auseinander. Anhand von Kernfragen, die mit einem solchen Prozess für gewöhnlich einhergehen: Wer sind wir? Wofür stehen wir? Was tun wir? Das ist wichtig, im Besonderen bei dem Versuch, sein Image zu korrigieren. Und wohl niemand mag bestreiten, dass die Blau-Weißen dahingehend (freilich auch unter kostspieliger Mithilfe einer namhaften Agentur) im Ansatz doch vieles gar nicht so schlecht gemacht haben. 

Da war Charmantes dabei wie eine im Jahr 2018 unter dem Motto „In Berlin kannst du alles sein. Auch Herthaner“ ausgespielte Werbekampagne, aber auch Gewagtes wie die vor dem letzten Derby gegen den 1. FC Union ausgeführte Guerilla-Aktion unter dem Titel „Wo die Fahnen blau-weiß weh’n“, als über Nacht Tausende Klub-Fähnchen im Stadtgebiet platziert wurden. Doch all dies verläuft bei einem Fußball-Profiklub letztlich doch nur ins Leere, wenn beim Wesentlichen, also im Sport, nur gepfuscht wird. Wenn sich im Januar 2021 bei nüchterner Betrachtung für den im Jahr 1892 gegründeten Verein auf die oben bereits erwähnten Kernfragen nur unangenehme Antworten finden lassen.

Negative Ausstrahlung

Wer sind wir? Ein Klub, der in der jüngeren Vergangenheit immer wieder selbstverschuldet in große Krisen gestürzt ist. Ein Klub, der für sich proklamiert, der Hauptstadtklub zu sein, aber in den vergangenen Jahren wegen seiner schlussendlich doch eher negativen Ausstrahlung kaum einen Neu-Berliner und schon gar nicht die Kinder dieser Neu-Berliner für sich gewinnen konnte. Und schließlich auch ein Klub, der vom Stadtrivalen aus Köpenick vor Augen geführt bekommt, wie man mit weitaus geringeren Mitteln besseren Fußball macht.

Wofür stehen wir? Für Missmanagement beziehungsweise für die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die bei keinem anderen Verein in Deutschland so groß und seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst größer denn je ist! Was tun wir? Wir fangen nach dem 1:4 gegen Werder Bremen mal wieder vor vorne an, womöglich erst mal mit einem altbekannten Trainer (Pal Dardai), dieses Mal auch mit einem neuen Manager (Arne Friedrich), wenngleich die Sache inzwischen doch ein wenig anders gelagert ist, denn eine weitere Kernfrage lautet nun: Was macht Windhorst?

Die Demission von Michael Preetz, dem Manager und Geschäftsführer Sport, war überfällig, das steht außer Frage. Entgegen einer grundsätzlichen Überzeugung im Lager des großzügigen Geldgebers hatte man den 53-Jährigen aber noch einmal mit dem Relaunch des Kaders beauftragt, ihm für die Spielakquise mehr als 100 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Ergebnis ist bekannt: Mittelmaß. Dafür steht Preetz, der stets den Souverän mimte, aber nie einer war. Der über all die Jahre im Job geblieben war, nur weil Präsident Werner Gegenbauer nicht wahrhaben wollte, dass der langjährige Weggefährte mit seinem Wirken nichts bewirkt, im Gegenteil Jahr für Jahr Millionen verbrennt.

Windhorst, der mit der Überweisung seiner letzten Investment-Rate zuletzt gezögert hatte, mag kein Mittelmaß. Er will einen „Big City Club“, wird deshalb (was den hartgesottenen Fans nicht gefallen wird) die sportliche Misere des Klubs nutzen, um über den Weg des tiefgreifenden Personalwechsels noch mehr Einfluss auf die Geschäfte nehmen zu können. Stimmt schon: In Berlin kannst du alles sein. Auch Investor von Hertha BSC. Doch lässt sich diese störrische Alte Dame offensichtlich auch mit sehr viel Geld nicht so leicht in eine andere Richtung bewegen.