Berlin - Hertha BSC auf den Tag genau vor einem Jahr. Jürgen Klinsmann trat mit großer Euphorie seinen Job als Trainer an. Der Pressekonferenzraum war überfüllt mit Journalisten. Die Geschichte danach ist schnell erzählt. Noch größer als sein Optimismus, den Hauptstadtklub zur Topadresse in Europa zu machen, war sein Missverständnis, welche Kompetenz er im Klub hat. Und nach 78 Tagen schmiss die nano-temporäre Erscheinung wieder hin und ließ die Mannschaft im Stich. Danach kam Corona – bis heute.

Hertha hat sich trotz der Millionen von Investor Lars Windhorst selbstverständlich noch nicht zum „Big-City-Klub“ entwickelt und die Ansprüche sind in Pandemiezeiten wieder demütiger und realistischer geworden. Bei der Pressekonferenz am Freitag waren wegen der Infektionsschutzverordnung keine Journalisten im Raum. Trainer Bruno Labbadia saß eingerahmt von Pressesprecher Marcus Jung und Michael Preetz auf dem Podium und beantwortete geduldig die Fragen der Journalisten, die sie via Internet stellten.

Bayer Leverkusen hat diese Saison noch nicht verloren

Acht Spiele und nur sieben Punkte, damit kann keiner zufrieden sein. Immer wieder zeigten die blau-weißen Profis, dass sie gegen Topteams zwar mithalten können, doch am Ende verloren sie. 3:4 beim FC Bayern, 1:2 in Leipzig, vergangene Woche das 2:5 gegen Dortmund, bei dem nach einer starken ersten Halbzeit ein Totalausfall in der zweiten folgte. Sonntag um 15.30 Uhr folgt die nächste Spitzenmannschaft. Die Blau-Weißen treten in Leverkusen an.

Vergangene Saison war Hertha BSC gegen Bayer doppelt erfolgreich. Beide Partien wurden gewonnen. Im Hinspiel gab es ein 1:0 in Leverkusen, einen von drei Siegen unter Klinsmann. Im Rückspiel ein 2:0 im Olympiastadion unter Labbadia. Es war eines der besten Spiele der Saison. Labbadia lässt sich davon nicht blenden: „Ich bin kein Freund davon, in die Vergangenheit zu schauen. Das wird diesmal ein anderes Spiel. Leverkusen hat in dieser Saison noch nicht eine Partie in der Bundesliga verloren. Bayer hat momentan das gleiche Niveau wie Bayern oder Dortmund.“

Und davon ist Hertha weit entfernt. Das neu aufgebaute Team ist noch immer in der Selbstfindungsphase und die optimale Balance zwischen den Mannschaftsteilen wurde noch nicht endgültig gefunden. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass von den bisher 15 Saisontreffern die Offensivabteilung 13 machte. Verteidiger Peter Pekarik trug ein Tor bei. Dazu kommt noch ein Eigentor des Frankfurters Hinteregger. Die Spieler im zentralen Mittelfeld schossen noch nicht ein Tor. Vergangene Saison waren die früheren Herthaner Marko Grujic (4) und Vladimir Darida (3) siebenmal erfolgreich. Im Schnitt trafen die Mittelfeldspieler in der Spielzeit 2019/20 in jedem fünften Spiel. In dieser Saison gab es nach acht Partien noch keinen Torjubel aus dem Herzstück des Teams.

Noch bleibt Trainer Bruno Labbadia gelassen und baut keinen Druck gegenüber Darida, Matteo Guendouzi, Niklas Stark, Eduard Löwen oder Lucas Tousart auf: „Alle arbeiten extrem viel. Die Tore der Stürmer sind auch ihr Verdienst, weil sie dafür die Vorarbeit leisten.“ Das ist richtig. Doch die Bonustore fehlen. „Über die Saison sollten auch ein paar Tore von den Mittelfeldspielern kommen. Ich habe nix dagegen, wenn sie mal treffen“, ermuntert Labbadia. Vielleicht klappt es schon am Sonntag in Leverkusen.