Leverkusen/Berlin - Mit Krisen zur Weihnachtszeit kennen sie sich bei Hertha BSC aus. Während Ante Covic in der vergangenen Saison kurz vor dem ersten Advent entlassen wurde, sitzt Trainer Bruno Labbadia trotz des 0:0 bei Bayer Leverkusen und nur acht Punkten aus neun Spielen ungleich fester im Sattel. Denn anders als noch vor zwölf Monaten, als Hertha jegliche Bundesligatauglichkeit vermissen ließ, haben die Berliner in dieser Saison ihr Können schon des Öfteren unter Beweis gestellt. Das Problem, das Labbadia bisher nicht in den Griff bekommt, ist, dass sich Hertha für solide bis gute Leistungen nicht belohnt. Insofern war der Punktgewinn am Rhein ein Fortschritt.

Sportdirektor Arne Friedrich sagte bei Sky: „Das 0:0 nehmen wir gerne mit. Wir haben besser verteidigt, das war zuletzt ein großes Problem. Offensiv waren wir nicht durchschlagskräftig.“

Trotz der großen Enttäuschung über die schwache zweite Hälfte gegen den BVB in der Vorwoche vertraute Labbadia in Leverkusen exakt der gleichen Startelf, was auch damit zu begründen war, dass weder Innenverteidiger Jordan Torunarigha nach Sprunggelenksverletzung und Corona-Infektion (ohne Symptome) noch Mittelfeldmann Lucas Tousart (hartnäckige Knieprobleme) rechtzeitig fit genug wurden. Entsprechend verzichtete Labbadia nach der Gruppentherapie und zahlreichen Vier-Augen-Gesprächen unter der Woche auf den einen oder anderen Denkzettel. „Wir sind in einer Entwicklung, haben in Augsburg und zunächst gegen Dortmund gut gespielt. Wichtig ist, die Spieler zu stärken und ihre Entwicklung voranzutreiben“, begründete Labbadia sein geschenktes Vertrauen noch kurz vor Anpfiff.

Das Kollektiv macht es besser

Sein Gegenüber Peter Bosz, dessen Team das letzte Mal in der Liga gegen die Berliner am 33. Spieltag der Vorsaison als Verlierer vom Platz ging und in dieser Spielzeit als einziges neben dem VfL Wolfsburg noch ungeschlagen ist, musste der Doppelbelastung Tribut zollen. Wegen des Personalnotstands tauschte der Niederländer im Vergleich zum 4:1-Europa-League-Sieg gegen Hapoel Beer Sheva am Donnerstagabend viermal durch.

Während sich Bayer also zunächst sortieren musste, verteidigte Hertha aufmerksam, aggressiv bis gallig und ließ somit in der ersten Viertelstunde keinen Torschuss zu. Vor allem aber hielten sich Labbadias Schützlinge an die Vorgabe, besser zusammenzuarbeiten. Im Kollektiv besetzten die Blau-Weißen konsequent die Zwischenräume, erstickten Bayers gefährliches Tempospiel durch gutes Anlaufverhalten bereits im Keim und ließen insbesondere Leverkusens Ballverteiler Julian Baumgartlinger nicht zur Entfaltung kommen.

In der Offensive harmlos

So gut es die Berliner in der Defensive machten, so wenig Akzente setzten sie allerdings in der Offensive. Notierbar war einzig ein Distanzschuss von Verteidiger Omar Alderete, der aber deutlich über das Tor flog (26.). Fernschüsse waren auch das Einzige was Leverkusen blieb, nachdem Hertha bis zum Pausenpfiff weiter kompakt stand. Karem Demirbay (32.) und Leon Bailey (34.) per Aufsetzer feuerten zwar ungleich gefährlicher als Alderete, stellten aber Herthas Torhüter Alexander Schwolow vor keine großen Probleme.

Während manch einem Hertha-Fan zu Hause auf dem Sofa vielleicht schon die Knie zitterten angesichts des dramatischen Leistungseinbruchs gegen Dortmund, als nach Wiederanpfiff alle Dämme brachen, ließen die Berliner am Rhein nicht nach. Doch wie schon in der ersten Halbzeit neutralisierten sich die beiden Teams im Mittelfeld, Torchancen blieben Mangelware. Weil Berlins Angreifer Dodi Lukebakio und Krzysztof Piątek aber selbst die wenigen Einladungen der Gastgeber für einen gefährlichen Konterangriff nicht annahmen, probierte Labbadia, ab der 70. Minute mit Mathew Leckie und Jessic Ngankam neue Impulse nach vorne zu setzen, was dem Duo nicht bedeutend besser gelang.

Viel Zeit bleibt Labbadia nicht, um die richtige Balance zwischen Defensivverhalten und Angriffsspiel zu finden. Bereits am Freitagabend steigt das Berliner Derby, wenn der 1. FC Union im Olympiastadion zu Gast ist. „Union macht es in den vergangenen Wochen sehr gut. Die werden mit einer breiten Brust kommen“, sagte Friedrich.