Hertha BSC: Die Offenheit gegenüber der Sportpsychologie wird größer

Selina Koch und Paula Isringhausen betreuen die Jugendteams der Hertha bis zur U23. Im Team der Bundesligaprofis beschäftigt der Klub keinen Sportpsychologen. 

Herthas Sportpsychologinnen Selina Koch (l.) und Paula Isringhausen beim Teambuilding des U23-Teams.
Herthas Sportpsychologinnen Selina Koch (l.) und Paula Isringhausen beim Teambuilding des U23-Teams.City-Press/Moritz Eden

Für Selina Koch und Paula Isringhausen ist Flexibilität das Zauberwort im Berufsalltag. Den Anfang machen die noch gut planbaren Termine am Vormittag, es folgen Trainingseinheiten mal am Nachmittag und mal am Abend, Spiele am Wochenende, Auswärtsfahrten und irgendwo dazwischen die Einzelgespräche mit den Spielern. „Es ist kein Nine-to-five-Job“, sagt Irsringhausen mit einem Schmunzeln. Koch nickt zustimmend.

Seit ziemlich genau einem Jahr kümmert sich Koch als Sportpsychologin um die Spieler in Herthas Jugendleistungsteams. Während sie zuvor unter anderem beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) aktiv war, ist ihre Kollegin Isringhausen diesen Sommer von Arminia Bielefeld zur Hertha gekommen. Das Duo ist mit seiner Arbeit Teil einer größeren Bewegung. Die Psychologie hat in den vergangenen Jahren endgültig Einzug in den Fußball gehalten. Während die Entwicklungspotenziale dort in anderen Bereichen zunehmend ausgeschöpft scheinen, werden die der Sportpsychologie Stück für Stück immer weiter entdeckt – auch bei Hertha BSC und nicht zuletzt im Jugendbereich.

Sportpsychologische Betreuung bei Hertha von der U13 bis zur U23

Aber was genau machen Sportpsychologinnen bei einem Fußballbundesligisten wie Hertha BSC? Das ist eine Frage, die Koch und Irsringhausen immer wieder gestellt wird. Während Berufsbilder wie das des Physiotherapeuten oder Athletiktrainers im Fußball längst angekommen und greifbar geworden sind, ist das des Psychologen in diesem Kontext noch neu. So kommt es immer wieder vor, dass Herthas Psychologinnen ihre Arbeit und deren Vorteile erklären und beschreiben müssen.

„Wir sind zuständig für die Spieler, Trainer, Teams und Mitarbeitenden der Akademie“, beginnt Koch. Theoretisch sind Koch und Irsringhausen dabei für alle Jugendleistungsteams der Hertha verantwortlich, praktisch liegt das Hauptaugenmerk der Psychologinnen jeweils auf drei Mannschaften. Von der U13 bis zur U23 sei alles dabei, sagt Irsringhausen und ergänzt: „Es gibt 13-jährige Spieler, die genauso interessiert an unserer Arbeit sind wie 20-jährige.“

Ohnehin lässt sich im Gespräch mit Koch und Isringhausen heraushören, dass unter den Spielern in Herthas Jugend eine große Offenheit gegenüber der Arbeit des Duos herrscht. Natürlich nicht bei jedem, aber doch bei vielen Spielern. „Wenn die Jungs kapieren, dass psychologische Arbeit sie besser machen kann und letztlich auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, es zum Profi zu schaffen, dann sind sie sofort sehr offen“, sagt Isringhausen. Allgemeingültig beschreiben lässt sich die psychologische Arbeit, die bestenfalls aus dieser Offenheit entsteht, nicht. Zu individuell und zu unterschiedlich umfangreich arbeiten Herthas Psychologinnen mit ihren Schützlingen. „Es geht darum, ein Angebot zu schaffen, auf das die Spieler bei Bedarf zurückgreifen können“, fasst Koch zusammen.

Dennoch hätten sich mit der Zeit „Themenschwerpunkte herauskristallisiert“, die in der Arbeit mit den Talenten immer wiederkehren, berichten Isringhausen und Koch. Auf der einen Seite steht dabei die Frage nach dem bestmöglichen Umgang – etwa mit Druck, der Doppelbelastung aus Schule und Fußball, Fehlern, Misserfolgen und nicht zuletzt dem Wissen, dass der Großteil der Talente den Sprung zu den Profis nicht schafft. Gleichzeitig sei das Ziel ihrer Arbeit eben nicht nur, Defizite abzuarbeiten, sondern auch „gute Spieler noch besser zu machen, sodass jeder sein individuelles Potenzial entfalten kann“, erklärt Isringhausen. Leistungsoptimierung durch psychologisches Arbeiten also.

Alle Bundesliga-Nachwuchsleistungszentren mit Sportpsychologen

Die Erkenntnis, dass genau das möglich ist, ist in den vergangenen Jahren auch im Fußball endgültig angekommen. Wohl auch, weil die Optimierungspotenziale in vielen anderen Bereichen nahezu ausgeschöpft sind. Etwa im Athletiktraining, aber auch im technischen Bereich sind die Trainingsmethoden mittlerweile sowohl flächendeckend als auch bis in die Spitze ausgeklügelt und fortschrittlich. „Unser Arbeitsbereich ist einer der wenigen, die noch nicht ansatzweise erschlossen sind“, sagt Isringhausen. Ein Umstand, der sich eben wegen des großen Potenzials der mentalen Arbeit eher mittel- als langfristig ändern dürfte.

„Die Akzeptanz und Offenheit gegenüber der Sportpsychologie erhöht sich zunehmend“, sagt Koch. Schon jetzt wird in den Trainerausbildungen vermehrt über die Vorteile sportpsychologischer Arbeit aufgeklärt, und auch im Lizenzierungsverfahren der Bundesligaklubs hat diese mittlerweile einen Platz – seit 2018 müssen alle Bundesligisten mindestens einen Sportpsychologen an ihren Nachwuchsleistungszentren beschäftigen. Dennoch ist es laut Koch zweifelsfrei weiterhin so, „dass das mentale Training im Vergleich zum physischen noch deutlich weniger im Trainingsalltag berücksichtigt wird“.

Sportpsychologen sollen Teil des Staffs werden

Immerhin stoßen die Sportpsychologen bei ihrer Arbeit mittlerweile auf offene Ohren und sind im Bewusstsein der Trainer, Sportdirektoren und Jugendverantwortlichen angekommen. „Unser Wunsch ist, dass wir Sportpsychologen genauso Teil des Staffs sind wie Trainer oder Physiotherapeuten“, erklärt Koch ihre Idealvorstellung.

Im Fall von Hertha BSC ist man dieser Vorstellung im Jugendbereich aktuell ungleich näher als bei den Profis. Koch und Irsringhausen fahren mit ihren Jugendmannschaften ins Trainingslager, betreiben Teambuilding und stehen als Ansprechpartnerinnen für Einzelgespräche bereit, in denen es thematisch auch mal über den Fußball hinausgehen kann.

Im Team von Herthas Trainer Sandro Schwarz hingegen befindet sich kein Sportpsychologe. Natürlich gibt es dennoch auch unter Herthas Profis Spieler, die mit Sportpsychologen arbeiten – allerdings aus Eigeninitiative und mit vom Verein unabhängigen Personen. Einen Gegenpart zu Koch und Isringhausen, der sich dauerhaft um die Profis kümmert und diese einzeln oder auch als Team über die Saison begleitet, gibt es bei Hertha nicht.

Selina Koch und Paula Isringhausen sehen auch in diesem Umstand noch unausgeschöpfte Potenziale. Externe Ansprechpartner für die persönlichen Belange der Spieler seien zwar durchaus sinnvoll, vereinsinterne psychologische Arbeit aber eben auch. „Ich bin der Meinung, dass Sportpsychologinnen im Alltag jeder Profimannschaft beratend hinzugezogen werden sollten“, sagt Selina Koch. Es wäre der nächste Schritt beim Vormarsch der Psychologie im Fußball.