Warum Hertha BSC trotz null Punkten in Leipzig eine Liebeserklärung verdient

Trainer Sandro Schwarz, Manager Fredi Bobic und auch die Berliner Spieler schöpfen Mut aus der Niederlage. Schließlich spüren sie alle die Fans hinter sich.

Das Duell zwischen RB Leipzig und Hertha BSC wurde immer intensiver, rasanter und spannender. Hier streiten Xaver Schlager, Mohamed Simakan, Marco Richter, Amadou Haidara und Stevan Jovetic (v. l.) um den Ball.
Das Duell zwischen RB Leipzig und Hertha BSC wurde immer intensiver, rasanter und spannender. Hier streiten Xaver Schlager, Mohamed Simakan, Marco Richter, Amadou Haidara und Stevan Jovetic (v. l.) um den Ball.Imago/Jan Huebner

Seit Fredi Bobic bei Hertha BSC arbeitet, hat der Manager nach einer Niederlage seines Teams selten so gestrahlt wie am Sonnabend in Leipzig. Seit Sandro Schwarz bei Hertha BSC arbeitet, hat der Trainer nach einer Niederlage seines Teams selten so aufgewühlt vor der Fantribüne mit den Armen gerudert. Und wer nicht mitbekommen hatte, dass die Bundesligapartie in der RB-Arena mit 3:2 (3:0) Toren für das Heimteam ausgegangen war, der hätte beim fröhlichen Handschlag zwischen Manager und Trainer nach Spielende kaum vermutet, dass die Berliner nach fünf Spielen ohne Niederlage dieses Mal ganz ohne Punkte nach Charlottenburg zurückfahren mussten. „Was Energie und Gemeinschaft angeht, auch mit den Zuschauerinnen und Zuschauern im Rücken, war das ganz großer Sport“, resümierte Schwarz. „Ich liebe meine Mannschaft für das, was sie heute gemacht hat.“

Eine Hertha-Niederlage mit wehenden Fahnen

Und Bobic fand: „Wenn du verlierst, dann verlierst du am liebsten so.“ Mit wehenden Fahnen. Und tatsächlich hatten auch diejenigen, die im Hertha-Fanblock die blau-weißen Fahnen schwenkten, etwas von der heiteren Leichtigkeit mit in die Auswärtspartie gebracht, die am Ende eines unglaublich unterhaltsamen Spiels beim Verliererklub die Atmosphäre bestimmte. Im Gästeblock hielten sie Spruchbänder hoch, mit denen sie ihre Verachtung für das Dosenklub-Konstrukt zum Ausdruck brachten. „10 Dinge, die jetzt geiler wären, als hier zu sein“, lautete das Motto: „Insolvenz“, „U-Haft“ oder „Vasektomie“ etwa schlugen sie vor.

Die Kreativität des Fanblocks inspirierte die Mannschaft auf dem Feld allerdings erst so richtig nach der Halbzeitpause. Da lagen die Berliner, die sich von Leipzig in eine viel zu passive Rolle hatten drängen lassen, nach Toren von Emil Forsberg (25.), David Raum (30.) und Willi Orban (45.) bereits 0:3 hinten. Was den Fußball-Podcast „MML“ von Micky Beisenherz zu dem amüsanten Tweet „Hertha hat deutlich mehr Probleme mit Orbán als Union“, veranlasste. Doch ganz offenbar teilte Trainer Schwarz seinen Spielern in der Pause das Richtige mit: „Wir wollten uns nicht verstecken und er sagte, dass wir die zweite Halbzeit auf jeden Fall gewinnen wollen“, erzählte Hertha-Verteidiger Marc-Oliver Kempf.

Tatsächlich kamen die Berliner mit einer anderen Körpersprache aus der Kabine, mit mehr Intensität, mit neuem Mut. Für Marvin Plattenhardt spielte Maxi Mittelstädt und für den defensiven Mittelfeldspieler Ivan Sunjic kam in Wilfried Kanga ein zweiter Stürmer neben Stevan Jovetic. Und als Jonjoe Kenny eine Flanke in den Leipziger Strafraum schlug, die Leipzigs Diallo mit dem Unterarm stoppte, dachten vermutlich viele Hertha-Fans: Na, ob das noch mal so läuft wie vorige Woche beim Remis gegen Freiburg?

Tatsächlich lief zum Handelfmeter wie vor einer Woche Dodi Lukebakio an. Tatsächlich traf er erneut (62.). Und als dann nur etwa zwei Minuten später Jovetic aus der Drehung heraus das 2:3 erzielte, rückte die Möglichkeit des Unentschiedens immer näher. Jetzt bewiesen beide Teams, dass die Partie zu Recht als Topspiel des Sonnabends platziert worden war. Jetzt zeigte auch Lukebakio, dass er verstanden hat, was Schwarz von ihm möchte: vollen Einsatz, vorne wie hinten. Der Außenstürmer rutschte im eigenen Strafraum in letzter Sekunde in einen Torschuss von Leipzigs Christopher Nkunku und leitete den Ball um den Pfosten herum.

Praktisch im Gegenzug hatte Chidera Ejuke das 3:3 auf dem Fuß. Doch sein Lupfer landete ebenso wenig im Tornetz wie die nächsten Torchancen von Davie Selke und Wilfried Kanga. Natürlich sei die Niederlage unglücklich gewesen, wenn man sich das ganze Spiel anschaut, sagte Bobic. Aber: „Die Jungs haben super Moral gezeigt.“

Fredi Bobic scherzt auf Lars Windhorsts Kosten

Vorige Saison hagelte es gegen Leipzig ein 0:6 und ein 1:6. RB-Coach Marco Rose sagte: „Nicht nur, weil Sandro mein Freund ist, sondern weil ich das ein bisschen länger beobachte: Hertha BSC wird demnächst ein paar Spiele gewinnen, wenn ihr dranbleibt.“ Das ist die Botschaft, die bei Hertha schon seit ein paar Spielen weitergegeben wird, und die auch Lukebakio verkündete: „Gegen Schalke werden wir wieder alles geben, um zu gewinnen. Wenn wir nächste Woche so anfangen, wie wir hier aufgehört haben, werden wir uns belohnen“, sagte der Stürmer.

Die Realität heißt aktuell: Tabellenplatz 15. Über die trägt das neue Wehende-Fahnen-super-Gemeinschaft-Gefühl derzeit gut hinweg. So gut, dass Manager Bobic, als er gefragt wurde, ob Hertha denn die Anteile von Investor Lars Windhorst zurückkaufen werde, antwortete: „Wenn man einen Spaß machen kann heute nach dem Spiel, könnte man sagen, für einen Euro nehmen wir alles zurück. Ist gar kein Problem.“