Der Berliner Fußballprofi Kevin-Prince Boateng ist zurück aus dem Metaverse. Frisch vermählt mit der Wushu-Kung-Fu-Meisterin Valentina Frategrado aus Italien, die als Influencerin und Model die Aufmerksamkeit ebenso zu lieben scheint wie der Mittelfeldspieler von Hertha BSC. Die Hochzeit, die in dem kleinen Örtchen Radicondoli in der Toskana sowie zeitgleich in virtueller 3D-Umgebung auf dem Mond stattfand, war, was die Reichweite in den sozialen sowie den traditionellen Medien betrifft, atemberaubend.

Ebenso wie sich am Montag die Anzeichen verdichteten, dass Hertha in der kommenden Bundesligasaison wohl kaum auf die Dienste des Weddinger Weltmanns verzichten wird, verdichteten sich auch die Gerüchte über den Anflug eines neuen Rechtsverteidigers. Jonjoe Kenny kommt nicht vom Mond in die Bundesliga zurück, sondern vom FC Everton. Ablösefrei. Der 25 Jahre alte Engländer war in der Saison 2019/20 bereits an Schalke 04 ausgeliehen, wo er in 31 Spielen zwei Tore und drei Assists beisteuerte – und schnell zum Fanliebling wurde.

Kay Bernstein stellt sich beim Aufsichtsrat vor

Während Fredi Bobic also dafür sorgt, dass die Arbeitsplätze im Kader mit fähigen Teamplayern besetzt werden, beginnt sich parallel eine neue Führungsmannschaft aufzustellen. Präsidentschaftskandidat Kay Bernstein, 41, war am frühen Montagabend zu einer Art Vorstellungsgespräch beim fünfköpfigen Aufsichtsrat in die Räume von Hertha BSC bestellt. Der Chef einer Agentur für Marketing, Kommunikation und Events, der den Fanklub Harlekins mitgründete und früher als Vorsänger der Ultras in der Ostkurve stand, hatte 30 Minuten, um sich und seine Vision einer neuen, transparenten Hertha-Kultur vorzustellen.

Ebenfalls zum Gespräch geladen war der Hermsdorfer Unternehmer Frank Steffel, früher CDU-Bundestagsabgeordneter und seit 17 Jahren Präsident der Füchse Berlin, der von Herthas Aufsichtsratsvorsitzendem Klaus Brüggemann am Montag offiziell vorgeschlagen und um eine Kandidatur als Hertha-Präsident gebeten worden war. „Die Mitglieder von Hertha BSC müssen nun entscheiden, ob sie ein ‚Weiter so!‘ oder einen Neuanfang möchten. Und die bisherigen Verantwortlichen müssen ein gemeinsames Verständnis und eine stabile Grundlage für den Erfolg von Hertha BSC finden!“, ließ Steffel in einer Erklärung verlauten. „Das gemeinsame Ziel muss es sein, Präsidium, Aufsichtsrat und Geschäftsführung auf eine gemeinsame Strategie festzulegen, Streit zu beenden und Herthas großartige Jugendarbeit stärker zur Identifikation in der Region Berlin Brandenburg zu nutzen“, heißt es in Steffels Erklärung weiter.

Wie zu erfahren war, entschied sich der Aufsichtsrat mit 5:0 Stimmen für den 56-Jährigen, der 2001 als „Kennedy von der Spree“ vermarktet, die Wahl zum Regierenden Bürgermeister gegen Klaus Wowereit verlor. Er wolle dabei helfen, Hertha in einer extrem schwierigen Lage dorthin zu bringen, wo Hauptstadtfußball hinsoll, sagte Steffel. Am Sonntag hatte er noch die Handballer der Füchse zusammen mit den Fans in der Max-Schmeling-Halle in die Sommerpause verabschiedet.

An diesem Tag hatte Steffel auch Füchse-Manager Bob Hanning von der Bitte des Hertha-Aufsichtsrats erzählt. „Steffel als Präsident wäre für die Stadt eine schöne Möglichkeit“, sagt Hanning: „Hertha hätte einen Unternehmer an der Spitze, der einen großen Verein führen kann“ – und mit dem er in den letzten 17 Jahren sehr harmonisch und erfolgreich zusammengearbeitet habe.

Die Wahl des neuen Präsidiums, genauer des neuen Präsidenten, Vizepräsidenten sowie dreier Beisitzer findet bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. Juni statt. Bislang sollen bereits um die 20 Bewerbungen eingegangen sein.

City-Press/Jan-Philipp Burmann
Herthas Präsidiumsmitglied Ingmar Pering will ebenfalls als Präsident kandidieren.

Ebenfalls am Montag gab Rechtsanwalt Ingmar Pering, 56, seine Präsidentschaftskandidatur bekannt. Er ist seit 2007 Mitglied des Hertha-Präsidiums und hatte sich zuletzt nach den Rücktritten von Präsident Werner Gegenbauer und Vizepräsident Thorsten Manske als dessen Sprecher hervorgetan. Der Oldtimer-Sammler war zuvor schon seit dem Jahr 2000 Mitglied des Beteiligungsausschusses des Bundesligisten. „Die Situation ist relativ erdrückend bei Hertha BSC. Man sieht ja einen Riss durch die Mitgliedschaft gehen. Jetzt ist nicht die Zeit, dass sich irgendwelche Leute profilieren, sondern dass Hertha in gesünderes Fahrwasser kommt - angeführt von Leuten, die auch die Stellschrauben kennen“, sagt Pering. Er habe gezeigt, dass er nicht zur alten Garde gehöre, aber dennoch in allen Bereichen genügend Erfahrung habe.

Zudem bewirbt sich der Immobilienunternehmer und Wilmersdorfer CDU-Politiker Peer Mock-Stümer, der ebenfalls im Präsidium des Klubs sitzt, für das Amt des Vizepräsidenten. „Ja, meine Kandidatur ist mit Herrn Pering zusammen als Tandem gedacht“, bestätigte er. Auf die Frage, weshalb er sich nicht gleich zum Präsidenten wählen lassen wolle, antwortete er: „Ich halte es für Hertha für die bessere Konstellation. Das liegt in der Binnenstruktur begründet. Was die Präsidiumsarbeit angeht, hat Herr Pering größere Erfahrung. Ich war zwar 13 Jahre lang erweitertes Präsidiumsmitglied, aber jetzt gleich den ganz großen Sprung anzupeilen, fand ich zu vermessen.“

Fabian Drescher kandidiert als Vizepräsident

Da Pering und Mock-Stümer ihre Kandidatur am Montag noch nicht schriftlich beim Aufsichtsrat eingereicht hatten, sondern sich erst noch im Anmeldeprozess befinden, waren sie noch nicht zur Vorstellungsrunde geladen. Bis zum 19. Juni können Bewerbungen für das neue Präsidium noch bei Hertha BSC eingereicht werden. Dafür muss die jeweilige Person von einem Hertha-Mitglied zunächst vorgeschlagen werden und danach seine Kandidatur schriftlich beim Aufsichtsrat einreichen.

Dass er für das Amt des Vizepräsidenten kandidierten will, hatte am Sonntag auch Fabian Drescher bekannt gegeben. „Ich will helfen, den Verein wieder zu einen und in eine ruhigere und erfolgreiche Zukunft zu führen“, twitterte der Berliner Rechtsanwalt, der seit 2016 Mitglied des Hertha-Präsidiums ist.

Mock-Stümer sagt: „Das neue Präsidium wird große Veränderungen anstoßen müssen. Und egal wer es nachher in welcher Position wird – wir werden alle an einem Strang ziehen müssen.“ Das ist ein Satz, der gleichermaßen für die Profis auf dem Platz gelten wird. Er könnte auch von Kevin-Prince Boateng stammen.