Berlin-WestendBruno Labbadia erträgt die widrigen Umstände mit Gelassenheit und Geduld. Der 54-jährige Cheftrainer von Hertha BSC hat in seiner Karriere schon vieles erlebt, doch die Corona-Krise und ihre Begleiterscheinungen sind auch für ihn neu. Es ist wieder Länderspielpause, die dritte seit dem Saisonstart im September. Labbadia, der die Aufgabe hat, einen Umbruch in der Mannschaft erfolgreich zu gestalten, wird dieser Tage wieder eingebremst. Das halbe Team ist unterwegs mit den jeweiligen Nationalteams. „Uns treffen die Länderspielreisen mehr als andere Vereine, weil uns diese Wochen fehlen, um die Mannschaft aufzubauen“, erklärt er.

Sieben Spiele und nur sieben Punkte sind das Resultat. Sein Vor-Vor-Vorgänger Ante Covic hatte vergangene Saison nach sieben Spielen drei Zähler mehr. Der Vergleich hinkt, weil sich Herthas Team durch die zahlreichen Trainer in der vergangenen Saison in einer Schieflage befand. Labbadia griff bei seiner Amtsübernahme im April auf die alten Führungsspieler Vedad Ibisevic und Per Skjelbred zurück. Dazu konnte Marko Grujic wieder zu alter Stärke zurückfinden. Diese drei Spieler sind nicht mehr da. Hertha hat im Sommer auch die spielerische Achse im Team verloren. Zwölf neue Profis kamen. Wovon einige mehr, andere weniger Akzente setzen können.

Alexander Schwolow hat das Zeug für einen Kapitän

Torwart Alexander Schwolow konnte vom SC Freiburg weggelotst werden. Der 28-Jährige kam mit einem gesunden Selbstbewusstsein und ist sofort Stammkeeper geworden. Er ist lautstarker als Rune Jarstein und strahlt Sicherheit aus. „Wir müssen noch lauter werden. Das fängt bei mir an“, sagt der Keeper. Für sieben Millionen Euro wurde Schwolow gekauft. Er ist ein Hauptgewinn. Er hat das Zeug zum Anführer, vielleicht trägt er irgendwann als Torwart die Kapitänsbinde wie Manuel Neuer.

Verteidiger Omar Alderete kam Anfang Oktober am letzten Tag der Transferperiode vom FC Basel für 6,5 Millionen Euro Ablösesumme. Da Jordan Torunarigha verletzt ist, wurde der 23-jährige Paraguyaner sofort in die blau-weiße Startelf katapultiert. In seinem ersten Spiel gegen den VfB Stuttgart (0:2) machte er einen Fehler, der zum Gegentor führte. Doch davon ließ er sich nicht einschüchtern. Ob er zum Führungsspieler reift, hängt auch davon ab, wie schnell er die Sprachbarriere überwindet.

Das gleiche Problem hat auch der Franzose Lucas Tousart. Der 23-jährige Mittelfeldspieler nimmt vor der Abwehr eine zentrale Position ein. Auf seine Kommandos kommt es bei Vor- und Rückwärtsbewegungen des Teams an. Tousart lernt eifrig die deutsche Sprache. Doch er wirkt noch immer gehemmt. Dabei könnte er mit mehr Selbstvertrauen auftreten. Schließlich spielte er mit Olympique Lyon in der Champions League. Die lange Spielpause wegen des Liga-Abbruchs im März in Frankreich merkt man dem 25- Millionen-Euro-Zugang noch an.

Matteo Guendouzi überzeugte dagegen sofort. Tousarts Landsmann kam im Oktober vom FC Arsenal, musste wegen eines positiven Corona-Tests in Quarantäne, war dann bei seinem 33-minütigen Debüt beim 1:1 gegen den VfL Wolfsburg sofort präsent. Auch eine Woche später beim 3:0 in Augsburg war der Mittelfeldspieler Dreh- und Angelpunkt. Labbadia: „Seine Qualitäten können unser Spiel bereichern.“ Wenn der 21-Jährige so weitermacht, kann er der Boss auf dem Platz werden.

Herthas Eigengewächse brauchen noch Zeit

Jhon Cordoba muss sich erstmal mit einem Minimalziel für einen Profifußballer begnügen: der Neuzugang vom 1. FC Köln muss gesund werden. Der 27-jährige Kolumbianer schlug sofort ein, traf dreimal ins Tor, bevor er beim 3:0 in Augsburg von Felix Uduokhai so hart am Sprunggelenk getroffen wurde, dass die Bänder rissen.

Wer ist noch neu im Team? Eduard Löwen kam nach einem halben Jahr als Leihspieler beim FC Augsburg wieder zurück. Der Mittelfeldspieler muss sich mehr in den Vordergrund spielen, um eine Chance auf einen Stammplatz zu bekommen. Deyovaisio Zeefuik, ein 22 Jahre alter Perspektivspieler, kommt als rechter Außenverteidiger noch nicht an dem erfahrenen Peter Pekarik vorbei.

Daishawn Redan ist nach einem halben Jahr zurück. Der linke Flügelspieler sammelte Spielpraxis beim FC Groningen, doch bisher bleibt es nur bei Schnuppereinsätzen für den 19-Jährigen. Das gilt auch für die Eigengewächse, die ihr erstes Jahr bei den Profis machen. Der dritte Keeper Nils Körber, die beiden Verteidiger Marton Dardai, Luca Netz und Stürmer Jessic Ngankam brauchen noch Geduld. Aber das brauchen alle mit Hertha BSC in der Saison 2020/21.