Wolfsburg - Unterschiedlicher hätten die Voraussetzungen nicht sein können. Hier der Gastgeber VfL Wolfsburg, seit acht Spielen ungeschlagen, zuletzt sieben Mal gar ohne Gegentor und auf Platz drei auf Champions-League-Kurs liegend. Dort Hertha BSC, seit acht Spielen ohne Sieg und mit lediglich zwei Toren aus den vergangenen vier Spielen auf Rang 15 und mittendrin im Kampf um das sportliche Überleben. Nichtsdestoweniger gab sich Herthas Cheftrainer Pal Dardai vor Anpfiff in Niedersachsen kämpferisch: „Wir sind hier für die drei Punkte“, erklärte der Ungar. Nach 95 gespielten Minuten und der 0:2 (0:1) Niederlage in Wolfsburg lässt sich festhalten: Die Berliner machen weiter spielerische Fortschritte, bieten dem lediglich auf dem Papier überlegenem Tabellendritten die Stirn, bleiben aber auch im fünften Spiel unter Dardai sieglos. 

„Das ist ein bisschen verhext“, stellte Dardai aufgrund der vielen vergebenen Torchancen nach Spielschluss fest und erklärte: „Unser Spiel sah gut aus, wir haben in der Defensive wenig zugelassen, aber wir machen kein Tor.“

Beim VfL hielt Dardai an seiner in der Vorwoche beim 0:3 gegen RB Leipzig gewählten taktischen Grundordnung fest. Personell stellte er die 3-5-2-Formation dagegen dreimal um: Für den angeschlagenen Mathew Leckie rückte Deyovaisio Zeefuik ins Team, ebenso Nemanja Redonjic und Vladimir Darida für Dodi Lukebakio und Krysztof Piatek. Jhon Cordoba, Hoffnungsträger, um die blau-weiße Torflaute zu beenden, nahm nach vierwöchiger Verletzungspause zunächst auf der Bank Platz, was der Kolumbianer quasi selbst entschied. „Er hat gesagt, er hat Luft für 30 Minuten“, erklärte Dardai.

Eigentor von Klünter

Auch ohne den bulligen Angreifer zeigte sich Hertha in der Anfangsphase robust. Dardais Elf stand wie schon gegen Leipzig kompakt in der Defensive, hielt die Räume im Mittelfeld eng und ließ die Gastgeber so zunächst kaum in gefährliche Abschlusspositionen kommen. Gleichzeitig setzte Lucas Tousart das erste Ausrufezeichen. Den Linkschuss von Herthas Rekordtransfer aus rund 20 Metern entschärfte Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels mit der Hand und der Hilfe des Querbalkens (10.).

Nachdem den Berlinern kurz der Atem stockte, als VfL-Stürmer Wout Weghorst aus dem Abseits heraus die vermeintliche Führung erzielte (23.), war es vor allem Spielmacher Matheus Cunha, der Herthas Spiel ankurbelte. Der Brasilianer, von Dardai als Stürmer aufs Feld geschickt, dribbelte sich nach einer halben Stunde durch den Strafraum und bis auf die Grundlinie, fand aber mit seinem Pass in den Rücken der Abwehr keinen Mitspieler.

Stattdessen geriet Hertha wie bereits gegen Leipzig aus dem Nichts, vor allem aber extrem unglücklich in Rückstand. Lukas Klünter rutschte die scharfe Flanke von Wolfsburgs Nationalspieler Ridle Baku am Fünfmeterraum über den linken Spann und von dort unhaltbar über den Kopf von Hertha-Keeper Rune Jarstein. Und es kam noch schlimmer: Cunha verletzte sich kurz vor der Pause am Oberschenkel, biss zwar bis zum Halbzeitpfiff auf die Zähne, musste danach aber ausgewechselt werden.

Khedira und Cunha verletzt

Dardai brachte Piatek, außerdem – und damit früher als geplant – Cordoba für den unauffälligen Radonjic. Bevor Hertha überhaupt einen neuen Anlauf nehmen konnte, folgte die nächste Hiobsbotschaft: Sami Khedira verletzte sich nach einem Kopfballduell bei der Landung am linken Fuß und musste ebenfalls vom Feld. Für den 34 Jahre alten Weltmeister von 2014 erhielt Matteo Guendouzi eine neue Bewährungschance, nachdem der Franzose gegen Leipzig zweimal entscheidend nicht auf der Höhe war.

Doch statt den Kopf in den Sand zu stecken, spielte Hertha fast schon trotzig weiter nach vorne und kam folgerichtig zur bis dato besten Chance der Partie: Darida dribbelte sich auf der linken Seite frei und fand mit seiner Flanke Zeefuik am zweiten Pfosten. Der U21-Nationalspieler der Niederländer scheiterte jedoch mit seinem Kopfball an Casteels und dessen starken Reflex (58.).

Ärger um Video-Beweis 

Hertha ließ sich nicht entmutigen, rannte weiter an und sah sich elf Minuten vor Schluss endlich für den betriebenen Aufwand belohnt. Schiedsrichter Bastian Dankert zeigte auf den Elfmeterpunkt, nachdem Cordoba im Strafraum zu Fall kam. Doch nach mehr als zwei Minuten und erst kurz vor der Ausführung des Strafstoßes meldete sich doch noch Video-Assistentin Bibiana Steinhaus, sodass Dankert nach Ansicht der TV-Bilder seine Entscheidung revidierte. 

Mit Wut im Bauch kämpfte Hertha weiter, Piatek traf aus spitzem Winkel jedoch nur den Außenposten (84.). Und wie es nun mal so ist, wenn man tief im Tabellenkeller steckt, kam es am Ende knüppeldick. Statt sich für die gute Leistung und die herausragende Moral mit zumindest einem Zähler zu belohnen, traf Wolfsburgs Maxence Lacroix per Kopf zum Sieg (89.).

„Wir haben es in der zweiten Hälfte gut gemacht. Doch Wolfsburg gewinnt ohne große Torchancen 2:0. Wir treffen dagegen einfach nicht. Das ist Schicksal im Moment. Das müssen wir drehen, sonst wird es gefährlich“, fasste Dardai zusammen und forderte für das kommende Heimspiel gegen den FC Augsburg (Sonnabend, 15.30 Uhr): „Wir müssen weiter arbeiten und unsere Chancen nutzen.“