Berlin-Westend - Ein Blick in die Gesichter der Herthaner reichte aus, um zu erkennen, wie sie die eigene Leistung beim 1:1 in Mainz nach der Corona-Quarantäne einordneten. Auf das demonstrative Abklatschen nach Abpfiff des ersten von drei Nachholspielen beorderte Trainer Pal Dardai noch auf dem Rasen alle Spieler zusammen und lieferte so das passende Bild, das Hertha BSC offenkundig Hoffnung im Abstiegskampf gibt: Der neu gefundene blau-weiße Teamgeist soll dafür sorgen, dass die Berliner auch nächstes Jahr noch in der Bundesliga spielen. „Dass es nicht leicht wird, war klar. Die Jungs haben alles reingeschmissen“, erklärte Sportdirektor Arne Friedrich, der im Kreis selbst zur Mannschaft sprach und im Anschluss unterstrich: „Nur gemeinsam geht es.“

Tatsächlich lieferte der Kaltstart vom Sofa nach nur drei Trainingstagen so einiges, was sie in Westend zu Recht als Mutmacher ansehen. Paradoxerweise hatten die Berliner ja bereits angekündigt, in der häuslichen Isolation noch näher zusammenrücken zu wollen. Und offenbar haben einige Profis, die zuvor die Geschlossenheit nicht unbedingt an erste Stelle stellten, die Zeit genutzt. „Unsere Leistung hat gezeigt, dass noch nicht alles richtig rund läuft, aber dass wir als Team kämpfen“, lobte Mittelfeldspieler Sami Khedira und schob einen versteckten Appell hinterher: „Es geht immer nur, wenn du merkst, dass eine Familie auf dem Platz steht, ein Teamgeist herrscht und jeder für jeden kämpft.“ Das sei laut dem Weltmeister von 2014, der bekanntlich erst seit Januar die Hertha-Fahne auf der Brust trägt, nicht immer so gewesen, „aber unsere junge Mannschaft hat sich entwickelt und ist sich dessen immer bewusster geworden“.

Fragile Anfangsphase 

Wie sich das auswirkt, sah man in Mainz. Nach der mit viel Glück überstandenen Anfangsphase kämpften sich die Berliner in die Partie und brachen auch nicht ein, als die Mainzer Lucas Tousarts Führungstreffer postwendend egalisierten. Vielmehr gewannen sie im zweiten Abschnitt gegen das fünfbeste Team der Rückrunde die Oberhand. Neben der richtigen Einstellung dürfte also auch die Erkenntnis für Erleichterung sorgen, dass das Cyber-Training von Athletik-Trainer Henrik Kuchno in den eigenen vier Wänden gefruchtet hat. „Wir hatten kein Konditionsproblem“, erklärte Torhüter Alexander Schwolow das, was auch die Zahlen belegten: Mit 113,14 abgespulten Kilometern und 200 angezogenen Sprints liefen die Berliner nur etwas weniger als im Saisondurchschnitt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Dardais Team neben der fragilen Anfangsphase in der ersten Halbzeit nicht konsequent an einem Strang zog. Spielmacher Matheus Cunha, Mittelfeldmann Matteo Guendouzi und Stoßstürmer Jhon Cordoba spielten zwar mit viel Leidenschaft, rannten dabei aber teilweise blind an, sodass die Abstände zwischen den Spielern zu groß waren und Hertha leicht überspielt wurde und unter Druck geriet. Erst Dardais mahnende Worte in der Halbzeit sorgten für eine Korrektur.

Dennoch werden viele Hertha-Fans angesichts der weiterhin bedrohlichen Lage hoffen, in den noch ausstehenden fünf Spielen bloß kein Déjà-vu der vergangenen Hinrunde zu erleben. Mit dem Mainz-Spiel wollte der damalige Trainer Bruno Labbadia zur Aufholjagd blasen und die zu Saisonbeginn liegengelassen Punkte einsammeln. Das Ergebnis ist bekannt: Nach dem Remis gegen Mainz holte Labbadia aus fünf Spielen lediglich vier Punkte und wurde entlassen. Eine derart dürftige Ausbeute würde Hertha wohl bis zum letzten Spieltag zittern lassen.

Achse endlich zu erkennen 

Dagegen spricht, dass Dardai, nicht zuletzt aufgrund der vor der Zwangspause eingefahrenen acht Punkte aus fünf Spielern, die so häufig labile Psyche seiner Spieler stärkte. Sorgten in der Hinrunde immer wieder grobe Schnitzer für Gegentore, unterlief in Mainz keinem Herthaner einer dieser so folgeschweren individuellen Fehler. Besonders Abwehrspieler Niklas Stark geht seit Wochen als Anführer voran. Tousart stellte an der Seite Khediras endlich das Fremdeln ein und ruft das ab, wofür Hertha 25 Millionen Euro nach Lyon überwies. Im Angriff sorgt der bullige Angreifer John Cordoba, in der Hinrunde noch oft verletzt, für mehr Durchschlagskraft. Kurzum: Herthas fehlende Achse, von Labbadia und auch zu Beginn von Dardai gebetsmühlenartig wiederholt, scheint sich gerade noch rechtzeitig gefunden zu haben.

Gelingt am Donnerstag im zweiten Nachholspiel ein Sieg gegen Freiburg (18.30 Uhr, Sky), würde endlich Licht am Ende des Tabellentunnels zu sehen sein. Mit einem Dreier spränge Hertha auf Platz 14 – und würde somit auch die bösen Hinrunden-Erinnerungen vergessen machen.