Berlin - Welche Wirkung ein Derby haben kann, weiß Bruno Labbadia ziemlich gut. Bereits als Trainer des Hamburger SV verhalf er während seiner zweiten Amtszeit in der Hansestadt dem einstigen Bundesligisten gegen den damaligen Dauerrivalen aus Bremen zu drei Siegen aus vier Spielen, was unter anderem dafür sorgte, dass Labbadia 2015 zum Hamburger des Jahres gewählt wurde.

Auch in Berlin als Cheftrainer von Hertha BSC kann sich die Derbybilanz des 54-Jährigen bisher sehen lassen. Auf das 4:0 gegen den 1. FC Union in der vergangenen Rückrunde folgte am Freitagabend ein 3:1-Sieg gegen Nachbarn aus Köpenick. Zwei Spiele, zwei Siege. Sieben zu eins Tore. Eine Bilanz, die angesichts der bisher inkonstanten Leistungen und des Tabellenstands jedem Hertha-Fan guttat. „Wir wussten um die Bedeutung des Spiels“ sagte Labbadia. Wenn man in einer Stadt mit zwei Vereinen lebe, bestimme der Ausgang dieses Duells nun mal die Gemütslage der Anhänger. „Wenn man dann Montagmorgen zur Arbeit kommt, ist das für einen Blauen einfacher als für einen Roten“, erklärte Labbadia den Derby-Effekt für die Fan-Seele.

Noch wichtiger als die Gemütslage der eigenen Fans ist Labbadia natürlich die seiner Spieler. „Die drei Punkte sind das Wichtigste, weil uns das in der Entwicklung einen Schub geben kann“, erklärte der Hesse, der Realist genug ist, das über weite Strecken chancenarme Spiel richtig einzuschätzen: „Ich bin weit davon entfernt zu sagen, wir haben ein Klassespiel gemacht.“ Dennoch glaubt Labbadia, dass seine Elf den vielbesagten nächsten Schritt gemacht habe. „Wir haben gegen Wolfsburg viel besser gespielt, aber nicht gewonnen“, erinnerte er. Doch gerade aus so einem Arbeitssieg wie gegen die Eisernen könnten seine Spieler viel mitnehmen – und eben daran wachsen. „Wir haben ein unruhiges und enges Spiel gewonnen und dabei einen Rückstand gegen eine unangenehm zu spielende Mannschaft wettgemacht“, sagte Labbadia und fasste zusammen: „Ich bin einfach zufrieden. Das wird uns Auftrieb geben.“

Wenig Bewegung, kaum Ideen 

Damit der Derbysieg tatsächlich wie eine Initialzündung wirkt und am kommenden Sonnabend in Mönchengladbach erneut Punkte rausspringen, muss Hertha BSC allerdings weiter an seiner Durchschlagskraft arbeiten. Aus fast 70 Prozent Ballbesitz gegen ab der 23. Minute tapfer in Unterzahl kämpfende Unioner kreierten die Blau-Weißen nach dem frühen Rückstand durch Taiwo Awoniyi (20.) so gut wie nichts. Wenig Bewegung, viele Querpässe, kaum Ideen. Eine Leistung, die Sportdirektor Arne Friedrich in der Halbzeitanalyse zum Anlass nahm, vor einem „dunklen Abend“ zu warnen. Sollte das so weitergehen, „können wir noch bis morgen Früh weiterspielen, ohne ein Tor zu erzielen“.

Weil Labbadia das ähnlich sah, belebte er nach der Pause durch die Einwechslungen von Angreifer Krzysztof Piątek und Flügelstürmer Javairo Dilrosun die bis dahin kaum bespielten Außenbahnen. Gleichwohl benötigte Hertha weiterhin die Hilfe der Eisernen. Nach dem ersten Antrittsgeschenk für den seit 1. Dezember federführenden neuen Geschäftsführer Carsten Schmidt durch die Rote Karte von Robert Andrich verteilte Torhüter Andreas Luthe noch zwei weitere Präsente, die erst Peter Pekarik (51.) zum Ausgleichstreffer und wenig später Doppeltorschütze Piątek (74./77.) nutze, nachdem er von Dilrosun in Szene gesetzt wurde. Dass der Pole nach seiner Versetzung auf die Ersatzbank erst nicht schmollte und dann doch noch seine Ladehemmungen ablegte und sich zum Matchwinner schoss, imponierte Labbadia. „Er ist damit gut umgegangen und eine Reaktion gezeigt“, lobte er und erklärte: „Zwei Tore werden Kris Auftrieb geben. Das braucht ein Torjäger und tut der Mannschaft gut.“

Während Labbadia auch deswegen und trotz der Gelbsperre von Spielmacher und Topscorer Matheus Cunha zuversichtlich auf das kommenden schwere Spiel beim Champions-League-Teilnehmer vom Niederrhein blickt, hoffen Hertha-Fans nach dem Derbysieg darauf, noch vor Weinachten den Rivalen aus dem Osten in der Tabelle zu überholen. Denn das würde neben der gelösten Stimmung am Arbeitsplatz auch vielen Blauen in der Stadt schöne freie Tage zur Weihnachtszeit bescheren.