Berlin - Die Stimmungslage rund um einen Fußballverein in Corona-Zeiten zu ermitteln ist sicherlich schwierig. Schließlich fehlt das wohl wichtigste Barometer, der Gemütszustand der Stadionbesucher und vor allem der eingefleischten Fans. Nun muss man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, um zu behaupten, dass die Spieler von Hertha BSC nach der 0:3-Niederlage gegen die TSG Hoffenheim mit einem gellenden Pfeifkonzert der Ostkurve in die Kabine geschickt worden wären. Denn der Unmut im blau-weißen Umfeld angesichts der mal wieder prekären Lage in Westend wächst. Neben den Spielern und Trainer Bruno Labbadia gerät dabei mehr und mehr Manager Michael Preetz in den Fokus. Neben einer Online-Petition, die die Ablösung des sich seit 2009 im Amt befindenden ehemaligen Stürmers fordert, wird es am Sonnabendnachmittag, wenn Hertha zum nächsten Krisengipfel den SV Werder Bremen empfängt (18.30 Uhr, Sky), eine Demo auf dem Olympischen Platz geben, die den Rücktritt von Präsident Werner Gegenbauer und eben Preetz fordert. 

Schließlich sehen viele Herthaner den Kaderplaner, der in den letzten anderthalb Jahren mehr als 140 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und vier Trainer verschlungen, aber Hertha BSC offensichtlich keinen Schritt vorangebracht hat, als den Hauptverantwortlichen der Krise. In der Tat spricht einiges dafür, dass die Ära Preetz bei Hertha BSC aufgrund der angesprochenen Schieflage im Sommer beendet sein könnte. Wenig dagegen dafür, dass Preetz’ neuer Chef Carsten Schmidt, seit Dezember neuer Vorsitzender der Geschäftsführung, während dieser Spielzeit Tabula rasa macht und die Reißleine zieht.

Die branchenüblichen Reflexe sind vielmehr, dass der Trainer das erste Opfer ist, wenngleich sich bei Hertha BSC die Frage stellen würde, wer diese Mannschaft überhaupt noch trainieren könnte. Ein Argument gegen Labbadia ist der Punkteschnitt, der auf 1,11 Zähler pro Spiel gefallen ist und damit den schlechtesten Wert aufweist, den der Hesse bislang bei seinen acht Jobs als Übungsleiter erreichte. Selbst sein Vor-Vor-Vorgänger Ante Covic kam in seiner kurzen Amtszeit 2019 auf 1,21 Punkte pro Partie. „Ich glaube nicht, dass man so ins Spiel reinkommen kann, wenn man nicht zu den Spielern durchdringt. Genauso nach der Halbzeit“, erklärte Labbadia zerknirscht, aber kämpferisch.

Dass die Spieler nicht gegen ihren Trainer spielen, bewiesen sie gegen zunächst allerdings stark verunsicherte Kraichgauer, indem sie vieles von dem zeigten, was sie zuletzt beim 0:1 in Bielefeld und 0:0 in Köln vermissen ließen. Voll von offensivem Tatendrang erspielten sie sich zahlreiche Torchancen, doch selbst die größte ließen sie dabei ungenutzt. „Wenn wir es schon nicht schaffen, vom Elfmeterpunkt das Tor zu machen“, sagte Labbadia über den Fehlschuss von Stürmer Krzystof Piątek in der 12. Minute. „Das ist das, was uns heute das Genick gebrochen hat.“ Dass das kaum jemand hören will, wenn die Ergebnisse nicht stimmen und letztlich nur Punkte zählen, weiß Labbadia natürlich auch. „Das juckt ja keinen“, sagte er ernüchtert.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Hertha zwar wie erwähnt schwungvoll, allerdings auch ideenlos anrannte. Eine klare Handschrift Labbadias, wie er sie seinen Spielern nach der Corona-Zwangspause nach Ostern einimpfte, als er die Mannschaft von Alexander Nouri übernahm und schnell aus dem Gröbsten führte, ist in dieser Saison bisher nicht zu erkennen. Labbadia verweist zu Recht auf den vollzogenen Umbruch, mittlerweile müsste sich das Team aber besser gefunden haben und sich auch der eine oder andere so wichtige Führungsspieler hervortun. Dass das nicht der Fall ist, gestand Labbadia. Nach dem 0:2 hätten seine Spieler den Faden verloren, „doch in solchen Phasen brauchst du diese Achse, die Leute, die sagen: Okay, wir machen genau so weiter“. Dass solche Leute nicht in Herthas Kader stehen, ist wiederum Wasser auf die Mühlen derer, die am Sonnabend demonstrieren wollen.

Vermutlich wird das Duell gegen Bremen zum Schicksalsspiel. Für Labbadia, vor allem aber für Hertha. Sollten die Berliner erneut verlieren und die Konkurrenten im Keller gleichzeitig punkten, kommt der Relegationsplatz gefährlich nahe. Stand Hertha auf diesem oder gar auf einem direkten Abstiegsrang, hat Preetz immer gehandelt. Geholfen hat es in 14 Fällen, mit der Ausnahme Pal Dardai, meist nur sehr kurzfristig.