Berlin-Westend - Pal Dardai wusste, dass es kniffelig wird. Vor allem sei Geduld gefragt, um Hertha BSC ein weiteres Mal nach 2015 vor dem Abstieg in die Zweite Liga zu retten. Immer wieder schwor der 44 Jahre alte Ungar alle Blau-Weißen in den vergangenen Tagen darauf ein, dass der Klassenerhalt durchaus sogar erst über den Umweg der Relegation erreicht werden könnte. Um dieses Last-minute-Szenario doch noch zu verhindern, „müssen wir irgendwann eine Überraschung machen“. 

Weil diese auch trotz einer kämpferisch guten Leistung beim 0:3 (0:1) gegen RB Leipzig ausblieb und die direkten Konkurrenten weiter punkten, wird die Lage für die Berliner immer bedrohlicher. Während RB bis auf zwei Punkte an Tabellenführer Bayern München heranrückte, trennt Hertha nach acht Spielen ohne Sieg, vier davon unter Dardai, und der Aufholjagd des FSV Mainz 05 nur noch ein Punkt von einem direkten Abstiegsplatz. „Das Ergebnis ist deutlich. Wir hatten genug Chancen. Aber ohne Tor geht es nicht. Da hilft nur arbeiten. Das tun die Jungs“, erklärte Dardai nach Abpfiff. 

Startelfdebüt von Marton Dardai

Im Vergleich zum 1:1 beim VfB Stuttgart, dem ersten Punktgewinn seiner zweiten Amtszeit, änderte Dardai seine taktische Herangehensweise. Statt wie bisher in einem 4-2-3-1-System zu agieren, setzte er gegen die Sachsen auf eine 3-4-1-2-Formation, um die Räume im Mittelfeld gering zu halten und den Champions-League-Teilnehmer erst gar nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Neben dem erwarteten Startelfdebüt von Weltmeister Sami Khedira überraschte Herthas Trainer, indem er auch erstmals Innenverteidiger Marton Dardai, seinen zweitältesten Sohn, von Beginn an aufs Feld schickte. Dazu rückten Lukas Klünter und Mathew Leckie ins Team.

Trotz der gewählten Ausrichtung wurde es bereits in der vierten Minute gefährlich, nachdem Leipzigs Stürmer Hee-Chan Hwang Herthas Abwehr entwischte und völlig frei vor Rune Jarstein auftauchte. Herthas Torhüter parierte den flachen Schuss des Südkoreaners aus elf Metern mit einem starken Reflex und seiner linken Hand.

Sabitzers Sonntagsschuss 

Doch danach befreiten sich die Herthaner mehr und mehr, agierten fortan auf Augenhöhe – und kamen folgerichtig auch gefährlich vor das Gästetor. Dabei lieferte die erste Chance gleich eine Blaupause, wie Dardai die Leipziger ärgern wollte. Auf den Ballgewinn im Mittelfeld folgte ein schneller Pass in die Tiefe. Allerdings verpasste Stürmer Krzystof Piatek im Strafraum die scharfe Flanke von Maximilian Mittelstädt. Nur drei Minuten später hatte Hertha den Torschrei bereits auf den Lippen, doch Leipzigs Nationalspieler Lukas Klostermann entschärfte eine Piatek-Hereingabe in höchster Not im Fünfmeterraum vor dem einschussbereiten Dodi Lukebakio.

Doch wie es nun mal so ist, wenn man unten drinsteckt, hatte Hertha erst kein Glück – und dann kam auch noch Pech dazu. Denn auf die beste Phase der Berliner folgte die kalte Dusche der Leipziger. Marcel Sabitzer hielt aus rund 30 Metern einfach mal drauf – und überraschte mit seinem tückischen, sich nach außen drehenden fulminanten Schuss Jarstein auf dem falschen Fuß – 0:1 (28.). Trotz des Nackenschlags per Traumtor verlor Hertha nicht den Kopf, dafür aber zunächst den eigenen Offensiv-Drive. Dardais Elf präsentierte sich zwar weiter kämpferisch, eine eigene Torchance erspielten sich seine Schützlinge bis zum Ende der ersten Hälfte nicht mehr.

Guendouzi patzt 

Dafür kam Hertha wieder mit viel Elan aus der Pause. Erst sauste Lukebakios Rechtsschuss am linken Pfosten vorbei (50.), dann scheiterte Matheus Cunha völlig frei an der Fußabwehr von Gäste-Keeper Peter Gulacsi (51.). Als Leipzig sich aus der Druckphase immer mehr befreite und selbst wieder gefährlich wurde, brachte Dardai erst Flügelstürmer Nemanja Redonjic für Lukebakio und Youngster Luca Netz für Leckie (60.), acht Minuten später auch Matteo Guendouzi für Khedira, der unauffällig spielte und seinen dritten Hertha-Einsatz nach seiner Auswechslung mit einem Kopfschütteln quittierte.

Für noch mehr Frust bei Khedira und allen Hertha-Fans sorgte dann Guendouzi. Der Franzose entschied sich für ein Dribbling im eigenen Strafraum, statt den Ball zu klären. Tyler Adams luchste ihm das Spielgerät ab und spitzelte es zu Nordi Mukiele, der Jarstein mit viel Wucht zum 0:2 überwand (71.). „So etwas darf man sich in einer solchen Situation nicht erlauben“, ärgerte sich Dardai. Zwar steckte Hertha nicht auf. Doch weder Radonjic noch Cunha gelang der Anschlusstreffer. Stattdessen köpfte Willi Orban, den Guendouzi nach einer Flanke aus den Augen verlor, zum 0:3-Endstand ein (84.). „Die Jungs sind traurig. Aber es war nicht so schlecht. Leipzig spielt Champions League. Daran müssen wir uns nicht messen“, erklärte Dardai, wohl wissend, dass Hertha am Sonnabend beim VfL Wolfsburg antreten muss, der ebenfalls auf Königsklassen-Kurs liegt.