Berlin-Westend - Das Kribbeln steigt, die Vorfreude wächst und gleichzeitig zittern vielen Hertha-Fans bereits die Knie: Mit dem Ende der häuslichen Quarantäne am Freitag beginnt nun der brutale Marathon im Abstiegskampf. Die kindliche Vorfreude auf Rasen unter den Füßen dürfte bei Trainer Pal Dardai und den Spielern von Hertha BSC schnell dem Realismus weichen. Bei sechs Spielen in 19 Tagen könnte das Restprogramm zum Himmelfahrtskommando werden.

„Jeder wartet darauf, herauszukommen. Jeder ist bereit und will unbedingt zum Training kommen“, sagte Dardai und gab unmissverständlich die Marschrichtung aus: „Wichtig ist, dass wir nächstes Jahr in der Bundesliga spielen.“ Und das wird schwer. Drei Spiele weniger als die Konkurrenz hat Hertha absolviert, auf Rang 17 sind die Berliner in der Isolation abgerutscht.

Drei Spiele weniger, vier Punkte Rückstand

„Ich glaube, niemand hat gedacht, dass wir mit drei Spielen weniger nicht auf diesem Platz stehen. Das war klar“, sagte Dardai und rechnete vor: „Wenn wir in den verlegten Spielen vier Punkte holen, stehen wir nicht auf einem Abstiegsplatz.“ Dass es bei 26 eigenen Zählern nur drei Punkte Rückstand auf die Relegation sind, ist ein Hoffnungsschimmer.

Los geht die Aufholjagd bereits am Montag (18.00 Uhr, Sky) beim zuletzt starken Mitbewerber FSV Mainz 05. Die Zeit für fußballspezifisches Training und das Einstudieren von Abläufen ist äußerst knapp. Auch danach geht es im äußerst fordernden Dreitagesrhythmus weiter bis zum letzten Spieltag am 22. Mai.

Hertha-Sportdirektor Arne Friedrich, der seine eigene Zukunft bei den Berlinern noch offen lässt, übte sich jedoch in Optimismus. „Ich glaube, dass die Jungs gut gewappnet sind für die Spiele“, so der 41-Jährige. Auch wenn er zugab, dass die Regeneration zwischen den Partien „superschwer“ werde. Die Spieler, denen Laufbänder und Fahrräder nach Hause geliefert worden waren, hätten laut Friedrich in der Quarantäne „super gut gearbeitet“.

Hoffen auf das Bayern-Besieger-Gesetz

Körperlich seien sie dank der Anleitung von Athletiktrainer Henrik Kuchno bestens vorbereitet. Eine Herausforderung wird es, Dodi Lukebakio und Marvin Plattenhardt einzugliedern. Sie konnten wegen leichter Corona-Symptome gar nicht trainieren. Während es dem ebenfalls erkrankten Coach Dardai wieder gut geht, ist für den schwerer betroffenen Torwart Rune Jarstein die Saison wohl vorbei.

Ohne ihn treffen die Berliner auf ihrem Langstreckenlauf Richtung Ligaverbleib nach Mainz (34 Punkte) unter anderem noch auf die unmittelbaren Konkurrenten 1. FC Köln (29 Punkte) und Arminia Bielefeld (30 Punkte) – sowie auf den feststehenden Absteiger Schalke 04. Gerade Mainz und Köln überzeugten jüngst mit unerwarteten Erfolgen, die auch in Berlin nicht unbemerkt blieben. Der FSV besiegte sogar den FC Bayern 2:1.

„Mainz hätte ich nicht eingeschätzt, dass sie gegen Bayern gewinnen und eigentlich mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben“, sagte Friedrich. Auch Dardai lobte den kommenden Gegner – und gab sich dennoch kämpferisch: „Mainz ist eine schwere Aufgabe. Aber Hertha BSC hat in jedem Spiel eine Chance“, sagte Dardai.

Hoffnung könnte den Blau-Weißen zudem das berühmte Bayern-Besieger-Gesetz machen: Wer auch immer den Rekordmeister in dieser Saison besiegen konnte, gewann nie das darauffolgende Spiel. Drei- von viermal gingen die Bayern-Besieger im nächsten Spiel sogar als Verlierer vom Platz. Hoffenheim verlor nach einem 2:1-Sieg in Frankfurt mit 1:2. Mönchengladbach holte nach dem 3:2 gegen den FC Bayern beim VfB Stuttgart nur ein 2:2. Frankfurt schlug Bayern zwar mit 2:1, verlor danach aber in Bremen (1:2).