Berlin - Bruno Labbadia kann sich gut in Krzysztof Piątek reinversetzen. Herthas Cheftrainer war selbst lange genug Torjäger, um zu wissen, wie die Entscheidung, Piątek ausgerechnet für das Prestige-Duell gegen den 1. FC Union aus der Startelf zu streichen, beim Polen ankam. „Dass er ein Stück enttäuscht war, ist verständlich. Das kann ich nachvollziehen“, erklärte Labbadia. Dass der Mittelstürmer dennoch zum gefeierten Matchwinner beim 3:1-Derbysieg gegen den 1. FC Union avancierte, imponierte Labbadia. Das Entscheidende, berichtete Labbadia mit Verweis auf seine eigenen Erfahrungen, sei dabei, „dass die Reaktion stimmt“. Piątek sei sicherlich angefressen, aber eben nicht beleidigt gewesen: „Damit ist er gut umgegangen. Das freut mich für ihn.“

Dass es sehr wohl ein schmaler Grat gewesen ist, Piątek rauszunehmen, weiß Labbadia. Wäre es Hertha nach dem frühen Rückstand durch Taiwo Awoniyi (20.) und dem Platzverweis von Robert Andrich (23.) nicht gelungen, das Derby in der zweiten Halbzeit zu drehen, dann hätte neben dem Frust um das verlorene Stadtduell auch die Debatte um den bereits in den vergangenen Wochen viel kritisierten Piątek weiter an Fahrt aufgenommen. Weil es aber anders kam und der 25-Jährige nach dem Ausgleich von Peter Pekarik (51.) gleich doppelt traf (74./77.), werden dessen Kritiker erstmal verstummen. War bei seinem ersten Tor noch etwas Glück dabei, dass der Ball abgefälscht an Unions insgesamt unglücklich agierenden Torhüter Andreas Luthe vorbei ins Tor trudelte, zeigte Piątek bei seinem zweiten Treffer, warum Hertha im Januar 23 Millionen Euro an den AC Mailand für ihn überwies. Handlungsschnell verarbeitete er den druckvollen Flachpass von Javairo Dilrosun am Elfmeterpunkt, technisch stark schoss er den Ball aus der Drehung ins Tor der Eisernen. „Weil du eins gemacht hast, egal wie, hast du danach die Ruhe, den Ball anzunehmen und den Angriff abzuschließen“, erklärte Labbadia den Brustlöser-Effekt, der aus Herthas Sicht gerne nachwirken soll: „Das Erfolgserlebnis war wichtig für ihn. Das braucht ein Torjäger.“

Gesänge in der Kabine 

Nichtsdestoweniger ist Labbadia weiterhin nicht vollends zufrieden mit Piąteks Spielweise. Es sei nie einfach, einen Spieler seines Formats rauszunehmen, „aber wir müssen nach den Eindrücken gehen“, berichtete der Hesse und machte keinen Hehl daraus, dass er Piątek für das Derby zunächst nicht für den richtigen Spieler hielt: „Wir hatten die Vorstellung, dass es ein intensives Spiel wird. Deswegen haben wir die Spieler aufgestellt, von denen wir gedacht haben, dass die meiste Energie ausgeht.“ Auf die Frage, ob das Spiel in Überzahl und auf ein Tor im zweiten Abschnitt Piątek mehr entgegenkomme, antworte Labbadia mit einem Appell in Richtung des Angreifers: „In unserer Situation müssen alle mitmachen. Das sieht man selbst beim FC Bayern. Dort arbeiten alle zusammen, so haben sie das Triple gewonnen. Davon können wir Kris nicht befreien.“

Dafür befreite Piątek mit seinem Doppelpack seine Kollegen von der Last, dass Duell gegen den kleineren Nachbarn zu gewinnen, die insbesondere in der ersten Halbzeit und nach dem Platzverweis zu spüren war. Dass der zweite Derbysieg innerhalb von vier Monaten die Kraft hat, das Innenleben seiner in der Entwicklung steckenden Mannschaft entscheidend zu verändern, glaubt Labbadia. „In der jetzigen Zeit, ohne Zuschauer, die ja sonst die Emotionen auf die Spiele übertragen, ist es nicht so einfach“, erklärte der 54-Jährige. Umso erfreulicher war für ihn, dass die Stimmung in der Kabine ausgelassen war. „Die Freude kam raus. Es gab ein paar Gesänge. Das tut dem Team gut.“

Cunha fehlt gelbgesperrt

Auch deswegen keimt in Labbadia die Hoffnung, dass seine Mannschaft auch kommende Woche in Mönchengladbach gewinnen kann. Selbst wenn Spielmacher und Topscorer Matheus Cunha wegen einer Gelb-Sperre am Niederrhein fehlen wird. Bisher hat Hertha gegen die Topteams teilweise gut gespielt, Zählbares kam aber dabei nicht rum. Weil Piątek seine Ladehemmungen nun überwunden zu haben scheint, könnte sich das nun ändern. „Zwei Tore werden Kris Auftrieb geben. Das ist gut für ihn und die Mannschaft“, erklärte Labbadia – aus eigener Erfahrung.