Berlin-Westend - Gefühlt graut es jedem Hertha-Fan bereits bei dem Gedanken an ein Duell mit Bayer Leverkusen. Was wohl vor allem daran liegt, dass die Berliner insbesondere bei den Gastspielen der Werkself in der Vergangenheit teils böse unter die Räder kamen. 2017 beim 2:6 und 2019 beim 1:5 kassierte Hertha BSC regelgerechte Klatschen. „Mein Erinnerungsvermögen, was Fußballspiele angeht, ist sehr bescheiden“, erklärte Arne Friedrich vor dem Spiel gegen Bayer (Sonntag, 15.30 Uhr, Sky). Anders als Herthas neuer Sportdirektor erlebte Trainer Pal Dardai die beiden Pleiten hautnah, letztere setzte am 34. Spieltag vor zwei Jahren den Schlusspunkt hinter seine erfolgreiche erste Amtszeit. Dennoch sei „alles in Ordnung“, wenn er an Leverkusen denke. „Das war Gutes und Schlechtes dabei“, sagte Dardai. Und überhaupt: „Es zählt nur, was kommt.“

Optimistisch blickt der Ungar vor allem dem Spiel entgegen, weil seine Spieler die 0:2-Niederlage bei Borussia Dortmund gut verdaut hätten – genauso wie seine Analyse. Bei seiner Ansprache wären „einige schmerzhafte Sachen“ dabei gewesen. „Das hat ihnen bestimmt nicht gefallen. Aber sie haben es runtergeschluckt und gut gearbeitet.“

Bayers Stärke ist Herthas Paradedisziplin

Das ist auch nötig. Die Ausgangslage im Tabellenkeller hat sich bekanntlich dank des kommenden Gegners weiter verschärft. Bayer verlor gegen Arminia Bielefeld, Herthas Konkurrent um den Klassenerhalt, und schickte die Blau-Weißen somit auf den Relegationsplatz. Keine Frage, die Werkself schwächelt. Zur absoluten Liga-Spitze zählt das auf Tabellenplatz sechs abgerutschte Team von Trainer Peter Bosz nur noch in einer Kategorie: beim Konterspiel. Bereits zehn Treffer erzielte Bayer durch schnelle Gegenstöße – nur der BVB kann da mithalten.

Das Gute aus Berliner Sicht: Zwar läuft im Westend in dieser Saison ziemlich viel schief. Doch Bayers derzeit einzig verbliebende Stärke ist Herthas Paradedisziplin. Kein Tor ließen die Berliner in dieser Saison nach einem Tempogegenstoß zu. „Wir beschäftigen uns sehr viel mit der Restverteidigung, zeigen den Spielern anhand von Analysen auf, wo man aufmerksam sein muss“, begründete Dardai die Stärke seiner Elf und erklärte: „Wenn wir nicht gut positioniert sind und nur zugucken wie im Kino, dreht sich der Gegner und du kannst nur noch reagieren.“

Es gilt vor allem, Leverkusens Moussa Diaby zu stoppen. Der pfeilschnelle Franzose spielt seine Gegner regelmäßig schwindelig, war an neun von zehn von Bayer erzielten Kontertoren direkt beteiligt und dürfte auf der linken Abwehrseite vermehrt auf Herthas 19 Jahre jungen Marton Dardai treffen. Dardais zweitältester Sohn stand die vergangenen vier Spiele stets über 90 Minuten auf dem Feld, spielte souverän und meldete beim 0:2 in Dortmund in der Vorwoche sogar Norwegens Naturgewalt Erling Haaland ab. „Er ist als junger Spieler ins kalte Wasser geschmissen worden. Das ist in unserer Situation nicht einfach, aber er macht es bisher hervorragend“, lobte Sportdirektor Arne Friedrich den Innenverteidiger, dem eine Vertragsverlängerung winkt. „Wir wollen junge Spieler, die Leistung zeigen, bestmöglich an unseren Verein binden“, erklärte Friedrich.

Mut und Cunha sollen es richten 

Dardai will, dass sein Sohn und seine Abwehrkollegen gar nicht erst so viel zu tun bekommen. Frei nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ forderte er: „Wir wollen selbst Fußball spielen und mit dem Ball agieren, mutig sein und das Spiel gewinnen.“ Zwar muss er dabei erneut auf den an der Wade verletzten Sami Khedira, 34, verzichten. Ob der Rio-Weltmeister, der als verlängerter Arm des Trainers vor allem Struktur ins Mittelfeld brachte, rechtzeitig für das Derby beim 1. FC Union am Ostersonntag fit wird, ist noch nicht klar.

Zurück ist dagegen Matheus Cunha. Herthas Spielmacher verpasste zwei Partien wegen einer Oberschenkelverletzung und soll nun die weiterhin viel zu harmlose Offensive in Schwung bringen. „Gegen Dortmund fehlte uns nur der Mut vor dem Tor“, erklärte Dardai. Er akzeptiere Fehlpässe oder eine missglückte Finte und verspricht sich vor allem durch Cunhas Spielwitz mehr Durchschlagkraft: „Ein Eins-gegen-Eins gewinnt er fast immer.“

Darauf setzt auch Friedrich. „Er ist unser Unterschiedsspieler“, sagte er über den 21 Jahre alten Brasilianer, der aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner Unbekümmertheit oft zwischen Genie und Wahnsinn wandelt. Gleichzeitig mahnt Friedrich, Cunha nicht zu viel aufzulasten: „Er macht eine Entwicklung durch und hatte sicherlich andere Vorstellungen als den brutalen Abstiegskampf.“ Solch eine Erfahrung würde Cunha aber weiterbringen. Vorausgesetzt sie endet mit einem Happy End.