Berlin-Westend - Pal Dardai bleibt sich auch in Quarantäne und trotz großer Sorgen treu. Herthas lebensfroher Cheftrainer hatte in seiner ersten digitalen Medienrunde aus den eigenen vier Wänden ein Potpourri an Anekdoten der vergangenen, verrückten blau-weißen Tage zu berichten. „Jetzt hocke ich zu Hause, schaue das Online-Training der Jungs und telefoniere mit Zecke (Co-Trainer Andreas Neuendorf, d. Red.) 15-mal pro Tag und schaue Netflix – so ist das Leben“, scherzte Dardai. Seine Corona-Erkrankung sei bereits abgeklungen, er habe lediglich ein paar Tage Gliederschmerzen gehabt. Zu Hause habe er sich arrangiert – so gut es eben geht. „Was mich wirklich stört: Ich gehe immer zum Bauhaus, hole Blumen und Pflanzen und beschäftige mich in meinem Garten. Dann gehe ich laufen und Fahrrad fahren. Das fehlt schon“, so Dardai.

Weitaus größer dürfte das Verlangen des 46 Jahre alten Fußballlehrers sein, seiner Arbeit auf dem Schenckendorffplatz nachzugehen. Ein „komisches Gefühl“ sei es gewesen, als er vergangene Woche positiv getestet wurde und das Training abbrechen musste. Richtig schlimm sei es geworden, als er erfahren habe, dass Neuendorf, der als Kontaktperson ersten Grades gilt, auch nicht mehr dabei sein darf. „Da haben wir uns kurz gefragt: Und jetzt?“ 

Ehefrau Monika und Co-Trainer Hamzagic leiden

Doch nach dem Bekanntwerden seiner und den Infektionen von Co-Trainer Admir Hamzagic und Offensivspieler Dodi Lukebakio am Donnerstag kam bekanntlich mit Marvin Plattenhardt ein vierter Covid-19-Fall am Freitag hinzu, weshalb das zuständige Gesundheitsamt Charlottenburg-Wilmersdorf alle Spieler und den Stab um das Team umgehend in häusliche Quarantäne schickte.

So sehr es Herthas Aufholjagd nach zuletzt acht Punkten aus den vergangenen fünf Spielen ausbremst, für Dardai ein verständlicher Schritt. Auch wenn er dachte, er könne die Krankheit nicht bekommen. Als Jugendtrainer habe er im Vorjahr täglich Kontakt mit hunderten Kindern gehabt. Angesteckt aber hat sich Dardai erst jetzt. Genau wie seine Ehefrau Monika. „Sie leidet und ist richtig angeschlagen“, berichtete Dardai und mahnte: „Auch Admir war richtig kaputt, Rune (Jarstein, d. Red.) war im Krankenhaus. Das Virus muss man ernst nehmen.“

Ebenso entschieden stemmt sich Hertha gegen den schleichenden Fitnessverlust im Homeoffice. Athletik-Trainer Henrik Kuchno, der für seine intensiven Einheiten berühmt wie berüchtigt ist, drillt die Spieler im Cyber-Training. Dardai gefällt‘s. „Es bleibt keiner im Bett, man muss schon richtig mitmachen. Die Jungs sind ordentlich am Schwitzen. Einige haben schon Muskelkater“, erklärte er mit einem Schmunzeln. 

Dardai gefällt die Rolle des Jägers

Trotz des anstehenden Kaltstarts in das Mammutprogramm mit sechs Spielen im Dreitagesrhythmus will Dardai nicht lamentieren. „Wir dürfen nicht viel rumheulen oder jammern“, forderte er. Vor allem, weil Hertha das eigene Schicksal durch die Spiele gegen die direkte Keller-Konkurrenz selbst in der Hand habe.  „Wir werden wohl Vorletzter sein, aber Bielefeld kommt noch zu uns, Köln auch. Es gibt keine Ausreden mehr.“

Vielmehr will Dardai aus der Not eine Tugend machen. Sein Team sieht er nach drei verpassten Spielen zum Restart Anfang Mai in der Rolle des Jägers und erklärt die entsprechende Herangehensweise. „Wir haben nichts mehr zu verlieren. Es ist viel besser, von hinten nach vorn zu schwimmen.“ Dabei hofft er auf eine Jetzt-erst-recht-Mentalität seiner Spieler, die allerdings in dieser Saison schon des öfteren gefragt war und bekanntlich nur sehr selten zum Vorschein kam. „Vielleicht“, sagte Dardai, „ist diese Ausnahmesituation die letzte Stufe für die Mannschaft, um ein richtiges Team zu sein, was man lange vermisst hat.“ Gelinge Hertha trotz dieser Umstände der Klassenerhalt, „kann das ein Riesen-Bonus für die Zukunft sein.“

Damit am Ende einer erneut völlig verkorksten Saison und trotz des zuletzt herrschenden Corona-Chaos Hertha weiter in der Bundesliga bleibt, will Dardai das Restprogramm wie ein Turnier angehen – und entsprechend versuchen, mit den Kräften seiner Spieler hauszuhalten. „Wir müssen schlau sein“, sagte Dardai über seine Rotationspläne zum Restart. „Die einen spielen vielleicht 60 Minuten, andere 30 – so wie in der Vorbereitung.“