Berlin-Westend - Am Ende stockte jedem Herthaner der Atem. Als Matheus Cunha nach feinem Zuspiel des zuvor eingewechselten Mattéo Guendouzi in der Nachspielzeit allein auf Bayerns Torhüter Manuel Neuer zulief, war der erste Punkt in der zweiten Amtszeit von Pal Dardai als Trainer von Hertha BSC zum Greifen nah. Am Ende fehlten nur wenige Zentimeter, nachdem Cunha den Ball aus dem Vollsprint zwar über Neuer, aber auch am rechten Pfosten vorbei lupfte. Natürlich ärgerte Dardai die vergebene Großchance, um die 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern München zu verhindern. Cunha wollte er aber auch nach einer Nacht Schlaf keinen Vorwurf machen. Ebenso wenig gab Dardai preis, wie oft ihm selbst die Szene noch vor dem Einschlafen durch den Kopf gerauscht ist. „Ich bin froh, dass die Offensivspieler da waren, dass wir Torchancen gegen Bayern hatten“, erklärte der Ungar. Cunha habe nun mal bereits elftausend Meter in den Beinen gehabt, vor allem aber habe er nicht gezögert, weswegen er ihm nicht böse sein könne. „Er hat eine Entscheidung getroffen, die nicht schlecht war. Und er hat es technisch gut gemacht“, lobte Dardai und formulierte folgenden Lösungsansatz: „Noch mehr arbeiten, dann geht er irgendwann rein.“

Ein Remis wäre in der Tat der nicht unverdiente Lohn einer guten Leistung gewesen. Entsprechend musste Dardai am Tag danach Aufbauarbeit leisten. Für die Spieler tue so ein Spiel gegen ein Spitzenteam besonders weh. „Das war kein Kampf, das war Fußball – und das gegen Bayern München. Wir hatten sogar eine Druckphase, in der Bayern richtig verteidigen musste“, erklärte Dardai. Das würden seine Spieler spüren. „Aber“, schob er hinterher, „am Ende fehlt nicht irgendwas, sondern das Wichtigste: Punkte.“ Ein nicht unbekanntes Gefühl, wartet Hertha nun schon seit dem 2. Januar und dem 3:0 gegen Schalke 04 auf einen Sieg. Danach sprang lediglich ein Zähler in den vergangenen sechs Spielen heraus.

Das Spiel gegen den Triple-Sieger, der die Nacht am Flughafen BER verbringen musste, statt in die Wüste zur Klub-WM nach Katar zu fliegen, machte Hertha dennoch Hoffnung. Das lag vor allem an Dardais Handgriffen, die in Frankfurt beim 1:3 vielleicht zu erkennen waren, gegen den Rekordmeister aber erstmals richtig zum Tragen kamen. Wie schon in seiner ersten Amtszeit stärkte er im Vergleich zu seinem Vorgänger Bruno Labbadia die Defensive. Die so gebildete Kompaktheit soll dem Gegner einerseits das Leben schwer machen. Anderseits die Basis für die eigene Offensive bilden, die im Idealfall durch schnelles Umschaltspiel nach Balleroberungen zu Abschlüssen kommen soll. 

Torunarigha fällt aus 

Dabei ließ Dardai vor dem Spiel aufhorchen, indem er bei DAZN analysierte, dass seine Spieler gar nicht für den Fußball gemacht sein, den die Berliner bisher probiert haben zu spielen. „Wenn sich jemand den Hertha-Kader anguckt und mir danach einen Ballbesitzfußball einreden will, dann müssen wir eine Analyse machen. Ich glaube, das wird schwierig“, erklärte Dardai. Vielmehr seien seine Spieler für das nun angedachte Umschaltspiel geeignet, „vielleicht sind wir mit diesem Kader sogar eine Kontermannschaft.“ Am Sonnabend relativierte er seine Aussagen, blieb aber bei seiner in den ersten zwölf Amtstagen gewonnenen These, dass seine Spieler in ein Spielsystem das Gegenpressing verlangt „reinwachsen müssen“. Wegen der weiterhin bedrohlichen Tabellensituation und vor allem wegen der fehlenden Zeit wird sich Hertha diese Saison „auf Umschaltfußball konzentrieren. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir kontern“, erklärte Dardai. Neben den bereits erwähnten Fortschritten auf dem Platz machen Dardai auch die beiden Zugänge Sami Khedira und Nemanja Radonjic Mut. Khedira, der in der 81. Minute für Santiago Ascacibar eingewechselt wurde, habe mit seinen Pässen Ruhe ausgestrahlt und zudem Kopfballqualitäten bewiesen.

Dagegen wird Hertha wieder einmal auf Jordan Torunarigha verzichten müssen. Der Innenverteidiger prallte zum Ende der ersten Halbzeit mit Bayerns Stürmer Leroy Sané zusammen und musste für Omar Alderete ausgewechselt werden. Torunarigha soll sich dabei neben einer schweren Hüftprellung wohl auch eine Sehnen- oder Muskelverletzung zugezogen haben. Dardai rechnet mit einer Ausfallzeit von „ein, zwei Wochen Minimum".