Berlin-Westend - Diese Saison hat bei Hertha BSC tiefe Spuren hinterlassen. Nach der Rückkehr vom 1:2 in Hoffenheim hatte Trainer Pal Dardai seine Spieler mit einem Abendessen in Berlin verabschiedet, aber die Aufarbeitung beginnt nun erst richtig. „Es ist ein halbes Wunder, dass wir es so geschafft haben. Wir waren zuletzt sehr erfolgreich. Die Jungs können lernen von dem halben Jahr“, sagt der Ungar.

Das große Schreckensszenario Zweite Liga konnte Dardais Team bereits vergangene Woche mit dem 0:0 gegen den 1. FC Köln abwenden. Ungeklärt bleibt dagegen noch die Trainerfrage für die neue Spielzeit. Dardai kündigte Gespräche mit den blau-weißen Bossen an und lüftete gleichzeitig sein Vertragsgeheimnis. „Es war so, dass Arne Friedrich und Carsten Schmidt bei mir waren und sagten: Pal, es wäre schön, wenn du das machst“, verriet Dardai über die Gespräche Ende Januar.

Dardais Vertragsklausel nur ein Trick

Hertha befand sich bekanntlich im freien Fall und suchte nach der Doppel-Entlassung von Trainer Bruno Labbadia und Manager Michael Preetz dringend Halt. Dardai war nicht direkt Feuer und Flamme. Der Ungar gab zu, dass er zunächst zögerte: „Ich hatte so einen schönen Job als Jugendtrainer, und was ich von den Profis gesehen habe, war nicht gut. Sie haben immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Deswegen war das für mich schwer zu entscheiden. Ich wollte nicht mein Gesicht verlieren.“

Am Ende gab Dardai sein Jawort – und zwar von Anfang an nur bis zum Ende der Saison. Dass Hertha offiziell verkündete, sein Vertrag laufe bis 2022, sei ein reines Ablenkungsmanöver gewesen. „Ich habe gesagt, okay, ich mach es. Aber ich gehe nicht in die Kabine und sage den Jungs, dass ich nur für dreieinhalb Monate hier bin. Dann fressen die mich auf“, sagte Dardai. 

Pal Dardai: „Sonst wäre Hertha abgestiegen“

Der psychologische Trick funktionierte bestens. Die Spieler glaubten und folgten ihm, auch wegen seiner Strahlkraft als Rekordspieler und Klub-Legende. „Ich habe einen Bonus. Das hat tierisch geholfen dieses Jahr. So konnte ich die Mannschaft schützen, während es andere Trainer vielleicht mehr abbekommen hätten“, erklärte Dardai den Effekt, der sich in der Serie von neun ungeschlagenen Spielen in Folge und dem Klassenerhalt niederschlug.

Für den Fall, dass es Hertha anders kommuniziert hätte, malte Dardai ein düsteres Bild: „Wir haben diese Saison gesehen, was passiert, wenn Trainer während der Saison bekannt gegeben haben, dass sie bald weg sind. Der Punktedurchschnitt ist gesunken“, erklärte er mit Blick auf Borussia Mönchengladbach und Eintracht Frankfurt. „Hätten wir das gemacht, hätten wir vielleicht drei Punkte weniger geholt. Und dann steigen wir ab. Deswegen war das Psychologie.“

Pal Dardai wird kommende Woche mit Fredi Bobic sprechen

Ob er jetzt Trainer bleibt? „Ich werde mich am Montag, um 17 Uhr, mit Arne Friedrich unterhalten“, kündigte Dardai Gespräche mit dem aktuellen Sportdirektor an. Allerdings ist auch Friedrichs Zukunft noch offen. Entscheiden wird das wohl Fredi Bobic, der Hertha offiziell ab 1. Juni als Manager übernimmt. Gespräche wird es dennoch schon in der kommenden Woche geben. „Es wird sich zeigen, was passiert. Ich kann die Ü40 oder die U9 trainieren – ich komme mit allem klar, solange am Wochenende ein Spiel ansteht und ich ein bisschen mit dem Schiri meckern kann“, scherzte Dardai.

Was der neue Sportchef mit dem ambitionierten Hauptstadtklub plant, der aufgrund der Millioneninvestitionen von Lars Windhorst ganz andere Ziele als den Kampf gegen den Abstieg hat, liegt noch im Dunkeln. Für Dardai ist allerdings klar, dass zunächst eine schonungslose Analyse der desaströsen Saison hermuss. Der Trainer nahm  kein Blatt vor den Mund. „Nun muss man sehen, wer hilft, wer weg muss und wer kommen muss“, sagte Dardai und fügte hinzu: „Derjenige, der es machen wird, muss alles mit der Lupe untersuchen. Ich hatte so viele taktische Schwierigkeiten wie noch nie zuvor mit einer Mannschaft. Zudem fehlen zwei, drei Typen für die Kabine.“ Vor einer erneut hohen Fluktuation im Kader warnte er: „Du musst aufpassen, einen Umbruch nach dem Umbruch kannst du nicht machen.“

Egal, wie die Entscheidung ausfällt, sein Sommer-Fahrplan steht. Ende der kommenden Woche werde er in seine Heimat an den Plattensee zum Urlaub aufbrechen, „da mache ich drei Wochen die Tür zu, unabhängig davon, ob ich die Profis trainiere oder die U16“. Für den Fall, dass er nicht Cheftrainer bleibt, könnten es auch sechs Wochen werden, sagte Dardai, und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich kann nur eins sagen: Mein Job bei Hertha ist gesichert, wenn ich nicht mit dem Union-Trikot über den Ku'damm laufe.“ Was ihn aber nicht daran hindert, der Konkurrenz aus Köpenick Respekt für die Leistung zu zollen. „Großen Glückwunsch und Respekt“, sagte Dardai, „ich weiß, was diese Platzierung in der Bundesliga bedeutet.“