Hertha BSC positioniert sich für die Frauen und gegen die WM in Katar

Im kommenden Sommer will Hertha erstmals ein eigenes Frauenteam in den Spielbetrieb schicken. Zudem lehnt der Klub die Vergabe der WM an Katar nun offiziell ab.

Herthas Fans und Mitglieder positionieren sich deutlich zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Katar.
Herthas Fans und Mitglieder positionieren sich deutlich zur bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft in Katar.imago/Matthias Koch

Frauenfußball und Hertha BSC? Muss das sein? Wo die wirtschaftliche Lage des Vereins doch ohnehin schon extrem angespannt ist. Wo es schon genug Frauenfußballvereine gibt in Berlin. Wo die Sportplätze in der Stadt schon jetzt viel zu knapp sind für all die vielen Vereine. Und gibt es überhaupt Frauen und Mädchen, die sich einem neuen Frauenfußballklub anschließen? Ressentiments bei etwas Neuem sind immer da. Berechtigte Fragen auch. Und die Mitgliederversammlung von Hertha BSC bot am Sonntag in der Messehalle 22 Raum, all diese Fragen zu stellen, nachdem der schon länger vom offiziellen Hertha-Fanklub Axel Kruse Jugend angekündigte Antrag auf Gründung einer Frauenfußball-Abteilung gestellt worden war.

Ines Heidekrüger von der Axel Kruse Jugend hatte den Antrag erläutert – und versichert, dass es das gemeinsame Anliegen sei, die Abteilung organisch wachsen zu lassen, also keine Spielerinnen zu kaufen, sondern sie selbst auszubilden. Und auf die Frage, ob es überhaupt genug Frauen und Mädchen gebe, bat Heidekrüger alle anwesenden weiblichen Hertha-Mitglieder, aufzustehen. „Und dann stehen bitte alle diejenigen auf, die eine Tochter haben“, rief sie, „oder eine Enkeltochter.“ Daraufhin hatten sich fast alle der rund 1500 anwesenden Mitglieder erhoben. Die Frage war beantwortet, der Antrag kam ohne Gegenstimme durch.

Bernsteins Ziel: Start mit einer Frauenmannschaft im Sommer

Hertha-Präsident Kay Bernstein hatte sich schon im Vorfeld für die Gründung einer Frauenfußball-Abteilung bei Hertha starkgemacht. Schließlich sind die Charlottenburger derzeit der einzige Bundesligist ohne aktive Kickerinnen. Daher habe man schon im September angefangen, ein Grundkonzept zu erstellen, und eine grundsätzliche Machbarkeit evaluiert, die infrastrukturellen Voraussetzungen bei Hertha oder andere Möglichkeiten wie etwa Kooperationen zu prüfen. „Da sind wir jetzt in den letzten Zügen“, sagte Bernstein. „Wir haben von der Mitgliederversammlung das Votum bekommen, dass sie das auch wollen. Somit gehen wir Hand in Hand mit der Geschäftsstelle und den Mitgliedern daran, das umzusetzen und möglicherweise schon im Sommer mit einer Frauenmannschaft zu starten.“

Erst am Freitag hatte Hertha BSC bekannt gegeben, die bisherige Kooperation mit Frauen-Bundesligist Turbine Potsdam, die Hertha mit rund 250.000 Euro jährlich unterstützt haben soll und die 2023 endet, im Sommer vertragsgemäß auslaufen zu lassen. Auf die Frage, ob sich Hertha stattdessen eine erneute Kooperation mit dem FC Lübars vorstellen könne, die der Klub 2009 im Zuge der anstehenden Frauenfußball-WM in Deutschland einging, sagte Bernstein: „Lübars ist eine Möglichkeit, genauso wie Hennickendorf oder Türkiyemspor.“ Hertha, versprach der 42-Jährige, werde jedenfalls nichts heraufbeschwören, „was wir am Ende nicht mehr bändigen können“. Dass sein Klub der letzte Bundesligist ohne Frauenfußball-Abteilung sei, verschaffe ihm einen Vorteil: „Wir brauchen die Fehler der anderen nicht noch einmal zu machen.“

Als erster Bundesligaklub positioniert sich Hertha BSC als Verein, der für Weltoffenheit und Toleranz steht, im Auftrag seiner Mitglieder deutlich zur anstehenden Fußball-WM in Katar. Auch dazu gab es einen Antrag: „Die Mitgliederversammlung möge beschließen, dass Hertha BSC die Ausrichtung der Fifa-Weltmeisterschaft durch Katar ablehnt.“ Nachdem in der Ostkurve bei den vergangenen Heimspielen etliche Banner mit der Aufforderung zum Boykott der WM gezeigt worden waren, stimmte eine deutliche Mehrheit für diesen Antrag: „Wir werden uns öffentlich positionieren mit einem Schreiben, in dem wir die Vergabe der WM an Katar als Verein ablehnen“, sagte Kay Bernstein, „sonst hat das keine Konsequenzen für den Verein.“

Hertha-Manager Bobic nennt WM-Ausrichter Katar „unsäglich“

Auch nicht für Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic, der als Experte für einen Bezahlsender zum Turnier nach Katar reist, seine Gage jedoch spenden will. „Es ist für mich unsäglich, dass die WM in Katar stattfindet“, erläuterte Bobic. „Das hat aber erst mal nichts mit dem Sport und dem Spieler zu tun. Ich kann keinem Spieler den Vorwurf machen, dass er da spielt. Das haben am Ende des Tages andere Menschen entschieden.“ 

Wie der Boykott der Hertha-Fans aussehen wird, hatte ein Banner in der Ostkurve in Reimform angekündigt: „Keine WM auf unserem Screen, denn wir hoppen durch Berlin.“ Einige fertigten schon eine Tabelle mit Spielen von Berliner Amateurvereinen und Frauenteams an, die in die WM-Wochen fallen. Kleiner Tipp dazu: An diesem Sonntag, dem Tag der WM-Eröffnung, spielt Turbine Potsdam im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den 1. FC Köln.