Mainz/Berlin - Was er von seiner Mannschaft erwarten konnte, wusste Pal Dardai selbst kurz vor dem Anpfiff nicht so genau. 23 Tage nach dem letzten Pflichtspiel von Hertha BSC und der 14-tägigen häuslichen Isolation stand der Cheftrainer der Berliner schlichtweg vor zu vielen Unbekannten. Wie fit werden seine Spieler nach nur drei Trainingstagen tatsächlich sein? Wie viel hat das Team in den eigenen vier Wänden an taktischem Verständnis eingebüßt? Und, wahrscheinlich die wichtigste Frage: Wie gehen seine Schützlinge mit dem enormen Druck um, der auf ihnen lastet, nachdem sie durch die Zwangspause bis auf den vorletzten Platz durchgereicht wurden?

Nach dem ersten von drei Nachholspielen lässt sich festhalten: Es war weder ein Auftakt nach Maß noch einer zum Vergessen. Mit dem 1:1 (1:1) in Mainz bleiben die Herthaner zwar als Tabellensiebzehnter auf einem direkten Abstiegsplatz, können aber dank ihres leidenschaftlichen Auftritts weiterhin auf den direkten Klassenerhalt hoffen. „Ich bin sehr stolz“, sagte Dardai nach dem Schlusspfiff. „Wir haben die ersten 15 Minuten überlebt und am Ende die besseren Torchancen gehabt. Das war mehr, als ich erwartet hatte.“

Schwolow hält Hertha BSC im Spiel

Danach sah es wie von Dardai erwähnt zu Beginn nicht aus. Während Hertha erstmal wieder Schwung holen musste, gingen die Gastgeber mit einer seit sieben Spielen ungeschlagenen breiten Brust zu Werke – und stellten die Berliner in der Anfangsphase vor große Probleme. Allen voran Jean-Paul Boetius. Er ließ zwei Hochkaräter liegen, nachdem zunächst Marton Dardai und dann Sami Khedira einen Einwurf unglücklich verlängerten. Doch der Niederländer traf erst aus rund sechs Metern den Ball nicht richtig (8.), und scheiterte dann aus spitzem Winkel an der Unterkante der Latte (9.). Wenig später rettete Herthas Torhüter Alexander Schwolow gegen den auf ihn zustürmenden Adam Szalai mit einem starken Reflex, in dem er dessen Lupfer aus kurzer Distanz mit der rechten Hand noch abwehrte (20.).

Hertha war dagegen zunächst bemüht, den von der Zwangspause unterbrochenen Rhythmus wiederzufinden. Schließlich starteten die Berliner zuletzt so etwas wie eine Miniserie, indem sie acht Punkte aus den vergangenen fünf Spielen holten. Um seiner Mannschaft möglichst viel Halt zu geben, bot Dardai in Mainz mit Sami Khedira, Matteo Guendouzi und Lucas Tousart gleich drei zentrale Mittelfeldspieler auf. Doch es half zunächst nichts. Mainz machte das Spiel, Hertha lief hinterher.

Lucas Tousart mit erstem Saisontor 

Umso überraschender gingen die Berliner dann in Führung. Und kurioserweise fiel das 1:0 auf eine Weise, worauf sie zuvor in 28 Saisonspielen warten mussten: ein Tor nach einer Standardsituation. Marton Dardai trat einen Freistoß gefühlvoll aus dem Halbfeld in Richtung des zweiten Pfostens, wo Tousart zur Stelle war und sein erstes Saisontor für die Blau-Weißen erzielte (36.).

Die Führung hätte guttun können – wenn sie länger gehalten hätte. Doch Philipp Mwene traf nur vier Minuten später mit einem Sonntagsschuss am Montagabend, indem er den Ball aus rund 23 Metern und an drei Herthanern vorbei in den rechten Winkel zirkelte (40.).

Hertha dem Sieg näher 

„Wir müssen schlau sein“, hatte Dardai vor dem Spiel gefordert und damit insbesondere auch das Haushalten mit den eigenen Kräften gemeint. Weil es nach der Pause körperlicher und damit auch zwangsweise hektischer wurde, wechselte der Ungar gleich dreimal: Dedryck Boyata, Vladimir Darida und Santiago Ascacibar kamen für Deyovaisio Zeefuik, Sami Khedira und Matteo Guendouzi.

Dennoch dauerte es bis zur 65. Minute, bis die Berliner das erste Mal im zweiten Abschnitt gefährlich wurden. Matheus Cunha scheiterte nach einer feinen Kombination mit seinem Schlenzer von der Strafraumkante am sich lang machenden Mainzer Torhüter Robin Zentner. Doch die Chance entpuppte sich als Startschuss für eine spannende Schlussphase. Statt mit den Kräften nachzulassen, übernahm Hertha dabei immer mehr die Kontrolle und hatte die größte Chance durch den ebenfalls eingewechselten Stürmer Kryzstof Piatek. Weil der Pole, sonst so treffsicher als Joker, die Hereingabe von Darida aus drei Metern noch links am Tor vorbeischob (82.), blieb es aber beim Remis.

„Je mehr Zeit verging, desto bessere Spielzüge haben wir gezeigt“, erklärte Dardai und kam zu dem Fazit: „Wir müssen ehrlich sein. Den Punkt haben beide Teams verdient.“ Nun gelte es schnell zu regenerieren und nach vorne zu schauen. Bereits am Donnerstag (18 Uhr, Sky) gastiert der SC Freiburg im Olympiastadion.