BielefeldDie Haare standen Bruno Labbadia bereits vor Anpfiff zu Berge. Bei der Zufahrt zum Bielefelder Stadion habe Herthas Cheftrainer im Mannschaftsbus Gänsehaut gehabt. Zuvor erklärte der ehemalige Stürmer, er habe an seine dreijährige Zeit in Ostwestfalen „nur gute Erinnerungen“. Das dürfte sich nun geändert haben. Die Enttäuschung über das 0:1 (0:0) stand ihm und seinen Spielern nach Spielschluss ins Gesicht geschrieben. Wieder einmal gelang es den Berlinern nicht, ein zweites Spiel in Folge zu gewinnen. Die für den Januar vorgesehene Aufholjagd scheint schon beendet. „Definitiv zeigt dieser Monat, wohin unsere Reise geht“, erklärte Labbadia noch vor Anpfiff. Nun lässt sich festhalten: Statt nach oben zu blicken, stecken die Berliner mit nur noch fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz erneut im Abstiegskampf. „Wir wussten was uns erwartet und dachten wir wären weiter. Nun ist unten näher als oben“, stellte Labbadia konsterniert fest.

Bereits vor dem Spiel musste er seinen wohl favorisierten Ansatz „Never change a winning Team“ verwerfen. Maximilian Mittelstädt rückte im Vergleich zum 3:0-Sieg gegen Schalke für Matheus Cunha auf den linken Flügel. Der Brasilianer musste wegen Adduktorenproblemen kurzfristig passen. Herthas taktische Herangehensweise sollte sich durch dessen Fehlen nicht verändern. Tatsächlich war Mittelstädt gleich in den ersten zehn Minuten an Herthas ersten Torversuchen beteiligt, indem er mit zwei Flanken Mittelstürmer Jhon Cordoba in Szene setzte. Der Kolumbianer traf jedoch jeweils den Ball nicht sauber.

Video-Assistent greift ein 

Danach entwickelte sich das von Labbadia erwartete Geduldsspiel, in dem Cunha sicherlich geholfen hätte. Denn gegen das laufstarke und zweikampfbetonte Spiel des von Ex-Union-Coach Uwe Neuhaus trainierten Aufsteigers fanden die Herthaner keine Tiefe, keine Schnelligkeit und keine Ideen, um hinter die gegnerische Abwehr und damit auch gefährlich vor das Tor zukommen.

Stattdessen hatte Hertha Glück vor dem eigenen Gehäuse: Niklas Stark brachte Arminias Kapitän Fabian Klos nach einer Flanke im Fünfmeterraum unabsichtlich zu Fall, indem er dessen Laufweg in der Rückwärtsbewegung mit seinem linken Bein kreuzte. Schiedsrichter Guido Winkmann zeigte direkt auf den Elfmeterpunkt und Stark zudem Gelb, was sicherlich ein harter Pfiff, jedoch keine klare Fehlentscheidung war. Doch der Video-Assistent Robert Hartmann sah das anders und meldete sich. Es dauerte ganze vier Minuten bis Winkmann beide Entscheidungen zurücknahm – den Strafstoß und die Verwarnung für Stark (39.).

Mit der Hoffnung nach mehr offensiver Durchschlagskraft kam Hertha aus der Kabine. Labbadia brachte Nachwuchsstürmer Jessic Ngankam für Linksverteidiger Marvin Plattenhardt. Gefordert war aber zunächst Herthas Defensive: Weil Innenverteidiger Omar Alderete eine Flanke ver- statt entschärfte, tauchte Bielefelds Angreifer Sergio Cordova gefährlich vor dem herauseilenden Hertha-Torwart Alexander Schwolow auf, traf aus spitzem Winkel allerdings nur den Außenpfosten (48.). In der Folge stellte allen voran der quirlige Ritsu Doan Hertha vor Probleme. Der von PSV Eindhoven ausgeliehene Japaner war es auch, der Schwolow als nächstes von der Strafraumgrenze mit einem Schuss zur Faustabwehr zwang. Hertha kam während der Drangphase der Gastgeber kaum in die Zweikämpfe, was Manager Michael Preetz mit verschränkten Armen und finsterer Miene auf der Bank zurückließ.

Piateks Treffer zählt nicht 

Auf die Verliererstraße bog Hertha dennoch erst mit viel Pech ab. Weil Ngankam nach nur 19 Minuten verletzt wieder vom Feld musste und Krysztof Piatek noch nicht bereit war, agierten die Berliner bei einem Bielefelder Einwurf in Unterzahl. Lucas Tousart verlängerte den geworfenen Ball ungeschickt zu Reinhold Yabo, der sich mit grenzwertigem Körpereinsatz gegen Peter Pekarik genügend Luft verschaffte, um den Ball gekonnt aus der Drehung in den Winkel zu zimmern (64.). Keine sechs Minuten später durfte erneut Doan unbedrängt schießen, traf aus 20 Metern aber nur den Innenpfosten.

Hoffnung doch noch einen Punkt aus Bielefeld mitzunehmen, keimte durch Piatek auf. Der Pole sorgte für mehr Gefahr als alle seine Kollegen zuvor zusammen und traf auch zum vermeintlichen 1:1 (85.). Winkmann entschied zunächst auf Abseits, per Video-Assistent revidierte er seine Entscheidung erneut – allerdings wohl korrekterweise auf Handspiel statt auf Tor. „Wir haben die wichtigen Zweikämpfe verloren. Das ist klar ein Rückschlag“, erklärte Labbadia enttäuscht.