Berlin - Das unwürdige Schauspiel begann quasi mit Schlusspfiff. Wie ein Medium berichtete, sei das Aus von Bruno Labbadia als Cheftrainer von Hertha BSC bereits unmittelbar nach der 1:4-Niederlage gegen den SV Werder Bremen besiegelt gewesen. Als Labbadia damit vor laufender Kamera konfrontiert wurde, ahnte er womöglich schon, dass es so kommen würde, sagte aber noch: „Ich habe die Menschen in Berlin so kennengelernt, dass man zu mir kommt, bevor man an die Öffentlichkeit geht.“

Als Farce kann man im Nachhinein auch das Interview von Michael Preetz betrachten. Der Manager vermied zwar noch im Stadion, seinem wichtigsten Angestellten eine Jobgarantie auszusprechen, dementierte aber die besagte Meldung: „Wir haben noch nicht über mögliche Entscheidungen gesprochen. Wir haben uns für den Januar extrem viel vorgenommen, wollten die Kurve bekommen und vor allem punkten. Nach dem Sieg gegen Schalke waren die Spiele von den Ergebnissen her eine einzige Enttäuschung. Das müssen wir verarbeiten.“ Womöglich sagte Preetz sogar die Wahrheit. Zur Posse wurde es, weil er wohl wusste, dass er als Geschäftsführer Sport gar nicht mehr Teil dieser Gedankengänge war. Vielmehr wurde Preetz selbst zum Opfer, was Hertha am Sonntag um 11.31 Uhr per Pressemitteilung bestätigte – nachdem es auch die letzten Spatzen von den Dächern in Westend gepfiffen hatten.

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Carsten Schmidt

„Ich habe mich am Morgen bei Bruno im Namen des Klubs und aller handelnden Personen entschuldigt“, erklärte Carsten Schmidt, der erst seit Dezember der neue starke Mann in der Hanns-Braun-Straße ist. Als „Schlechtleistung von Hertha BSC“ bezeichnete der neue Vorsitzende der Geschäftsführung die undichten Stellen des blau-weißen Führungszirkels in einer eilig einberufenen virtuellen Medienrunde. „Das ist nicht der Stil, den ich für Hertha BSC in Zukunft erwarte und prägen möchte“, erklärte er. Es sei nicht das erste Mal in seiner kurzen Amtszeit gewesen und eine „Baustelle, die ich gerne schnellstmöglich beheben möchte“.

Stillschweigen vereinbart

Schnell und durchaus abrupt endete nun auch die Ära von Preetz, der die Entscheidung professionell aufgenommen haben soll, nach mehr als 25 Jahren bei den Berlinern. „Das Präsidium hat sich an mich gewandt und wollte meine Einschätzung über die Zusammenarbeit im Klub haben“, erklärte Schmidt. Daraufhin sei eine Entscheidung gefallen, die „möglicherweise auch durch meine Wahrnehmung gestützt wurde, dass man die Zukunft des Klubs in andere Hände legen möchte“. Was letztlich genau den Ausschlag gab, sich von Preetz trotz seines bis 2022 laufenden Vertrags zu trennen, verrät Schmidt nicht. „Wir haben Stillschweigen vereinbart. Daher werde ich meine Einschätzung nicht preisgeben.“

Dass Schmidt bereits nach so kurzer Zeit den Daumen über zwei leitende Angestellte senkte, liegt an der immer größer werdenden Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zum Verhängnis wurde Preetz, der nach schwerem Start und zwei Abstiegen in drei Jahren in den vergangenen Jahren Hertha mit klugen Transfers trotz geringer Mittel als Kaderplaner überzeugte, die enorme Schieflage seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst. Weit über 100 Millionen Euro flossen seit Sommer 2019 in den Kader, der angesichts der vielen Talente eine Zukunft hat, aber derzeit für die Gegenwart in der Bundesliga nicht den Ansprüchen gerecht wird. Wie schon die 0:3-Niederlage gegen Hoffenheim zeigte auch die Pleite gegen Bremen, wie schlecht das Team austariert ist. Erfahrung und Mentalität fehlen genauso wie Alternativen auf den offensiven Außenbahnen, die Labbadia forderte, aber nicht bekam – auch weil die laut Hertha für Dezember zugesagte letzte Tranche von Windhorst weiter auf sich warten lässt.

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Pal Dardai

Die sportlichen Probleme soll nun Arne Friedrich beheben. Der Ex-Profi, seit dieser Saison zwar Sportdirektor, aber doch in der zweiten Reihe, rückt auf und übernimmt vorerst bis Saisonende Preetz’ Aufgaben als Kaderplaner. Dabei sei der Ex-Nationalspieler auch vollends in die Trainersuche eingebunden. Gleichwohl vermittelte Schmidt durchaus den Eindruck, als habe Hertha den richtigen Nachfolger bereits an der Hand. „Wir wollen am Dienstag jemanden auf dem Platz haben, der die Mannschaft in die Lage versetzt, in Frankfurt etwas zu holen“, sagte Schmidt und lieferte eine weitere Erklärung für Labbadias Aus nach nur neun Monaten: „Wir haben individuell eine sehr gute Mannschaft, es aber nicht geschafft, eine Leistung auf den Platz zu bringen, mit der alle drei Mannschaftsteile zusammen und gut über 90 Minuten performen.“ Durch den mageren Vorsprung von lediglich zwei Zählern auf den Relegationsplatz „suchen wir jemanden, der bewiesen hat, dass er Mannschaften zusammenschweißen kann und das in einer Abstiegskampfsituation, in der wir uns befinden, Woche für Woche leisten kann“.

Dardai oder Rangnick

Als heißester Kandidat gilt tatsächlich Pal Dardai. Der Ungar, erst 2019 nach viereinhalb Jahren als Cheftrainer von Preetz entlassen und derzeit wieder als Jugendtrainer beschäftigt, soll bereit sein, den Job interimsweise bis zum Sommer zu übernehmen. Gleichzeitig spukt weiterhin – auch wegen der von Schmidt kritisierten Indiskretionen – der Name Ralf Rangnick rund um den Olympiapark. Der Erfolgsarchitekt der TSG Hoffenheim und von RB Leipzig hat mit Marc Kosicke den gleichen Berater wie Windhorst und soll sich ein längerfristiges Engagement in Berlin angesichts der Möglichkeiten durchaus vorstellen können – falls er nicht für den FC Chelsea infrage kommt, wo er ebenfalls im Gespräch sein soll. Viele Fragezeichen, die Schmidt bereits am Montag auflösen will.

So oder so befindet sich Hertha BSC mal wieder am Scheideweg. „Wir wollen einen Neustart für die Gesamtsituation des Klubs“, erklärte Schmidt, wohlwissend dass er besonders mit einer Personalie einen der wichtigsten Steine bereits umgedreht hat.