BerlinDie fünf Nackenschläge in der zweiten Halbzeit gegen Borussia Dortmund haben bei Hertha BSC Spuren hinterlassen. Auf die bereits am Tag nach der schmerzhaften 2:5-Niederlage erfolgte Gruppentherapie nahm sich Bruno Labbadia zum Wochenbeginn auch einige Spieler in einem Vier-Augen-Gespräch zu Brust. „Ich hatte das Gefühl“, erklärt Herthas Cheftrainer, „dass der eine oder andere noch mal individuell eine Aufarbeitung brauchte.“

Besonders ärgerten ihn die vielen Fehler, die sein Team in nur 34 Minuten nach der 1:0-Pausenführung machte. Die Gegentore seien das Resultat einer ganzen Fehlerkette gewesen, die bereits bei den Stürmern angefangen habe. Labbadia störte dabei das Anlaufverhalten seiner vordersten Spieler, die den BVB zu wenig unter Druck setzten, sodass die Gäste ohne Mühe und immer wieder in die gefährlichen Zwischenräume vorstoßen konnten. „Wir sind noch mal darauf eingegangen, dass da ein paar Sachen miteinander nicht funktioniert haben, dass wir mit ein paar Sachen nicht einverstanden waren, vor allem damit, dass sich oft jemand rausgenommen hat“, berichtet Labbadia. Mal hätte einer mitgemacht, mal zwei und einer nicht, sodass der Hesse feststellt: „Gegen den Ball haben wir das schon wesentlich besser gemacht.“

Weil das Ergebnis von sieben Punkten aus acht Spielen niemanden zufriedenstelle, wird Labbadia mit seiner Kritik deutlicher: „Wir müssen besser miteinander funktionieren. Da muss jeder Einzelne mehr aus sich rausholen. Das ist ganz entscheidend.“ Gleichwohl tut der Trainer das, was ein Trainer tun muss: Er schützt seine Spieler, stellt keinen öffentlich an den Pranger. „Ich bin kein Freund davon, nach so einem Spiel einzelne Spieler rauszupicken“, unterstreicht der 54-Jährige.

Stürmer ziehen nicht mit

Da eben nicht alle mitziehen, droht einigen am Sonntagnachmittag, wenn Hertha beim Tabellendritten aus Leverkusen antritt, die Verbannung aus der Startelf. Bei den schlecht zusammenarbeitenden Stürmern könnten Krzysztof Piątek und Dodi Lukebakio einen Denkzettel bekommen. Während der Pole sich zumindest verbessert zeigte und angesichts der dünnen Personaldecke in der Sturmspitze nach der schweren Verletzung von Jhon Cordoba womöglich nochmals eine Chance bekommt, wird die Luft für Lukebakio dünner. Der Belgier arbeitet selten konstant mit, was Labbadia bereits in der Vergangenheit ärgerte. Mit Javairo Dilrosun steht ein weiterer Flügelspieler parat, der in dieser Spielzeit noch auf seine Startelfchance wartet. Die Kritik betrifft zwar auch Matheus Cunha. Doch Herthas Spielmacher wird mit Labbadias Rüffel davonkommen. Der Brasilianer, der gegen den BVB seine Saisontore fünf und sechs erzielte, ist schlichtweg die Lebensversicherung der Berliner, um überhaupt Punkte zu sammeln.

Wird Tousart fit, droht Stark die Bank

Allerdings zeichnen sich auch im Mittelfeld und in der Abwehr personelle Konsequenzen ab. Hält das Knie von Lucas Tousart den Belastungen in dieser Woche stand, rückt der Franzose an die Seite seines Landsmannes Matteo Guendouzi und verdrängt Niklas Stark, der gegen den BVB keinen Zugriff fand und in zentraler Position nur 48 Ballkontakte verzeichnete. Erstmalig wackelig präsentiere sich Omar Alderete in der Innenverteidigung, nachdem sich der Paraguayer nach seiner späten Verpflichtung vom FC Basel überraschend schnell akklimatisiert hatte. Zu schnell war für Alderete Dortmunds Stürmer Erling Haaland. Weil er beim zweiten Gegentor dennoch auf Abseits spekulierte, war Labbadia bedient. „Wir haben klar gesagt, dass wir das nicht wollen“, erklärt er. Bei der Werkself wird Alderete allerdings nur aus der Anfangsformation fliegen, wenn Jordan Torunarigha nach seiner Sprunggelenksverletzung und Corona-Infektion (ohne Symptome) schnell genug fit wird. Torunarigha verlieh Hertha an der Seite von Abwehrchef Dedryck Boyata in der vergangenen Rückrunde Stabilität und war unter Labbadia bis zu seiner Verletzung gesetzt. „Wenn wir das Gefühl haben, dass er so weit ist, nehmen wir ihn sofort dazu“, kündigt Labbadia auch deswegen an.

Dünn könnte die Luft auch wieder für Marvin Plattenhardt werden. Der WM-Fahrer von 2018 befand sich eigentlich endlich wieder auf dem aufsteigenden Ast, leistete sich aber beim dritten Nackenschlag einen katastrophalen Fehlpass und führte gegen die Borussen keinen einzigen Zweikampf. In Maximilian Mittelstädt verfügt Labbadia über eine Alternative auf Augenhöhe auf der Linksverteidigerposition. Auch deswegen kündigte er an, in dieser Woche noch genauer hinzusehen, wer mitzieht und wer nicht. Der eine oder andere Denkzettel könnte nicht schaden, damit in Leverkusen die nötigten Punkte herausspringen.