Berlin-Westend - Auf der Linie das Gegentor vereitelt, den entscheidenden Zweikampf um den Nachschuss gewonnen und direkt mit einem schnellen Flachpass den Gegenangriff eingeleitet. Herthas Niklas Stark macht im Training vor, wie Cheftrainer Pal Dardai die Blau-Weißen vor dem Abstieg retten will. Der über die Klub-Kanäle verbreitete Video-Schnipsel vom Schenckendorffplatz zeigt, wie Dardai sich das Umschaltspiel in den noch ausstehenden 13 Partien vorstellt. Starks spieleröffnender Pass landete beim Drei-gegen-drei-Übungsspiel auf dem Kleinfeld sogar direkt im Tor.

Ein Gefühl, auf das der Franke in einem Spiel bereits seit fast einem Jahr warten muss. Beim 2:2 gegen Bremen im März 2020 traf er zuletzt per Kopf und nach einer Ecke von Marvin Plattenhardt. 97-mal probierte es Hertha seitdem in dieser Saison nach Eckbällen – 97-mal ist nichts passiert. Wie es geht, macht ausgerechnet der Nachbar aus Köpenick vor: Der 1. FC Union erzielte in dieser Saison zwar weniger Tore nach Standardsituationen als im Premierenjahr in der Bundesliga. Mit bisher 12 von 34 Treffern nach ruhenden Bällen sind die Eisernen aber auch in dieser Spielzeit immer noch deutlich effektiver als Hertha BSC (vier von 26). 

Auch defensiv hakt es bei Hertha BSC

Weil es aber nach ruhenden Bällen auch hinten hakt, steckt Hertha bis zum Hals im Schlamassel. „Das muss sich jeder bei uns ankreiden lassen“, erklärt Stark in einer virtuellen Medienrunde und lässt dabei durchblicken, dass ihn das jüngste Gegentor beim 1:1 im Stuttgart immer noch nervt. „Da haben wir uns austricksen lassen“, sagt er über Stuttgarts Verzögerungstaktik bei einem Freistoß, die Kris Piatek das Abseits aufheben ließ. „Das müssen wir besser verteidigen.“

Nachdem sich bereits Dardais Vorgänger Bruno Labbadia an Herthas Harmlosigkeit die Zähne ausbiss, ist seit drei Wochen wieder der Ungar gefragt. Während seiner ersten Amtszeit gehörten die Berliner stets zu den gefährlichsten Teams der Liga nach Standards. Dass sein nun abermals übernommenes Team in dieser Saison bereits 15 Tore nach ruhenden Bällen kassierte, nervt Disziplinliebhaber Dardai vor der Heimspiel gegen RB Leipzig (Sonntag, 15.30 Uhr, Sky): „Eins sage ich klipp und klar: Wenn wir ein Standardtor kassieren oder eins nach einer Flanke, brauchen wir nicht über einen Sieg zu reden. Das ist unsere Aufgabe diese Woche: Kein Standardtor, kein Flankentor – dann haben wir eine Chance zu Hause gegen einen Top-Gegner wie Leipzig.“

Kann dieses Team Abstiegskampf?

Daran, dass seine Mannschaft es besser kann, hat Dardai keinen Zweifel. „Pal ist Pal“, sagt Stark über Dardais Rückkehr, der ihn erst 2015 vom 1. FC Nürnberg nach Berlin lotste und unter dem er dann zum Nationalspieler reifte. „Er weiß, wie es uns geht und worauf es jetzt ankommt. Wir haben volles Vertrauen in ihn“, erklärt Stark. Das hat auch Dardai in sein Team. Allerdings sorgt sich der 44-Jährige, ob seine Schützlinge nach dem Umbruch im Kader und den Abgängen erfahrener Spieler für den Abstiegskampf gemacht sind. „Jeder kann die Tabelle lesen. Wir werden alles raushauen, um das zu verhindern“, verspricht Herthas Dauerbrenner.

Bis auf mickrige neun Minuten am ersten Spieltag stand Stark in jeder Partie über 90 Minuten auf dem Platz. Das wird auch gegen die Sachsen am Sonntag so sein. Der Vizekapitän glaubt an einen möglichen blau-weißen Coup: „Wir haben es uns in den letzten Spielen so ein bisschen verdient, auch mal Glück zu haben. Warum sollten wir nicht gegen Leipzig etwas mitnehmen?“, fragt Stark wohlwissend, dass die Chancen rasant steigen, wenn Hertha nicht erneut ein Gegentor nach einem ruhenden Ball kassiert oder vielmehr selbst mal wieder trifft.  Ob nach einer Standardsituation oder nicht, wird Stark und allen Hertha-Fans egal sein.