Berlin-Westend - Wer das Spiel von Hertha BSC gegen Bayer Leverkusen nicht gesehen hatte und nur Pal Dardai nach Abpfiff reden hörte, hätte meinen können, dass die Berliner abermals nicht als Gewinner vom Platz gegangen sind. Denn der Cheftrainer der Berliner sparte nach dem 3:0 Sieg gegen die Werkself nicht mit Kritik. „Wenn wir Gegner wie Leverkusen regelmäßig besiegen wollen, dann müssen wir Dinge besser machen – gerade defensiv“, forderte der 45 Jahre alte Ungar. Vor allem ärgerte ihn das Anlaufverhalten seiner Stürmer. „Ich habe in der ersten Halbzeit Fehler gesehen. Bayer hätte das ausnutzen können, dann gehen wir mit 3:3 in die Halbzeit“, erklärte Dardai.

Am Tag danach war die Freude über den zweiten Sieg im achten Spiel seiner zweiten Amtszeit, der Hertha drei wichtige Zähler im Abstiegskampf bescherte, in einer digitalen Medienrunde spürbarer. „Wir haben langsam eine Mannschaft, die funktioniert“, sagte Dardai, der den Blau-Weißen nach der Amtsübernahme von Bruno Labbadia mit einer Dreier- beziehungsweise Fünfer-Abwehrreihe mehr Stabilität verliehen hat. Nach guten Leistungen gegen starke Teams ohne Ertrag gelang es seiner Elf gegen bemerkenswert sorglos agierende Gäste, die zuletzt so harmlose Offensive wieder in Schwung zu bringen. Spielmacher Matheus Cunha beendete seine über 13 Spiele und 1048 Minuten andauernde Torflaute und Stürmer Dodi Lukebakio zeigte längst vergessene Qualitäten, indem er zwei Treffer vorbereite.

Zeefuik erkannte sich selbst nicht

Den Startschuss für eine furiose Hälfte und drei Tore nach etwas mehr als einer halben Stunde lieferte allerdings ein Verteidiger. Deyovaisio Zeefuik traf bereits nach vier Minuten. Mit seinem sehenswerten Schlenzer vom rechten Strafraumeck an den linken Innenpfosten versetzte er Fans vor den Bildschirmen wie Mitspieler mit seinem Traumtor ins Staunen. „Mein Vater hat mir vor dem Spiel gesagt, dass ich mich ruhig trauen soll, öfter abzuschließen, wenn ich in Position bin“, freute sich der 23-Jährige über die Tipps vom Papa.

Keine Ahnung, wer der Typ in meinem Trikot war.

Deyovaisio Zeefuik

Verfolgt man Interviews des niederländischen U21-Nationalspielers und seine Posts in den sozialen Medien, bekommt man den Eindruck, dass es Zeefuik nicht an Selbstvertrauen mangelt. Umso irritierter war er über seine bisherigen blau-weißen Auftritte in der Hinrunde. Zeefuik spielte fahrig und stand unter Labbadia nur kurze Zeit nach seinem Vier-Millionen-Wechsel vom FC Groningen auf dem Abstellgleis. „Da habe ich Partien abgeliefert, in denen ich mich selbst kaum wiedererkannt habe“, gestand er zuletzt: „Keine Ahnung, wer der Typ in meinem Trikot war.“

Seine Wandlung vom Fremdkörper zum Stammspieler scheint er Dardai zu verdanken zu haben. „Ich habe ihm am Anfang gesagt: ‚Ich kenn dich nicht, aber was ich gesehen habe, war nicht okay. Da war zu viel Hektik in deinem Spiel. Du musst mir Zeit geben mit dir‘“, verriet der Trainer. Dardais Devise und die erfolgte Aufbauarbeit haben sich gelohnt. „Die Trainingsmethode ist gut für mich. Jetzt weiß ich wieder, dass ich Fußball spielen kann“, erklärte er.

Wie gut er das kann, zeigte der bei Ajax Amsterdam ausgebildete Rechtsverteidiger nicht nur bei seinem Traumtor. Zeefuik ging giftig in die Zweikämpfe und startete mit seiner Dynamik immer wieder gefährliche Läufe in die Tiefe. „Er hat sich tierisch gesteigert, auch im Training“, lobte Dardai und erklärte: „Für dieses System, das wir gerade spielen, ist er ein Top-Spieler auf der Außenbahn. Defensiv, offensiv, Anlaufverhalten, sein Kopfballspiel, wenn wir lang eröffnen wollen – er ist ein perfekter Spieler dafür.“

Dardai bremst Khedira

Doch Dardai wäre nicht Dardai, wenn er nicht direkt auf die Bremse treten würde. „Wir können jetzt nicht die ganze Woche jubeln, aber man kann mit diesem Sieg ruhig arbeiten“, erklärte er vor der Länderspielpause, nach der Hertha am Ostersonntag zum Stadtduell beim 1. FC Union antritt (4. April).

Dem Berliner Derby fiebert auch Sami Khedira, der sich vor drei Wochen einen Muskelfaserriss in der linken Wade zuzog, entgegen. Der Weltmeister von 2014 würde liebend gern sein Comeback an seinem 34. Geburtstag der Alten Försterei feiern. Und Dardai würde sich über eine Rückkehr seines Mittelfeldstrategen natürlich freuen, dämpft aber die Hoffnungen. „Er muss erst mal mit der Mannschaft zusammen trainieren“, sagte Dardai und ergänzte: „Sami war vorgestern erstmals draußen, das kann noch dauern. Am Muskel verletzte Spieler – da kommt bei mir keiner zu früh.“

Nicht schnell genug sollen dagegen die Fans zurück in die Stadien. Dardai würde es begrüßen, wenn der Berliner Senat grünes Licht für das vorgestellte Pilotprojekt gibt  – auch, wenn dann nur Union-Fans beim Derby dabei sein dürften. „Kein Fußballer würde sagen, Fans sind ein Nachteil“, erklärte Herthas Trainer, „selbst wenn es nicht unsere Fans sind, sondern von Union.“