Berlin - Für Sami Khedira schloss sich bereits vor dem Anpfiff ein Kreis. Wie schon bei seinem Bundesligadebüt für den VfB Stuttgart am 1. Oktober 2006 gegen Hertha BSC nahm der 34 Jahre alte Mittelfeldmann zu Beginn der Partie gegen den FC Bayern München zunächst auf der Ersatzbank Platz. Pal Dardai hatte zwar zuvor seine immense Bedeutung betont, selbst wenn dieser lediglich als „Organisator“ wirken sollte. Dennoch entschied sich der zurückgekehrte Cheftrainer der Berliner für die vorsichtige Variante und schickte den Weltmeister von 2014 erst in der 81. Minute auf den Rasen. Schließlich hatte Herthas Zugang zuletzt vor rund 16 Monaten in der Startelf seines ehemaligen Arbeitgebers Juventus Turin gestanden. 

„Ich will kein Eigentor schießen“, erklärte Dardai seine Entscheidung angesichts Khediras Verletzungsanfälligkeit. Am Ende überstand Khedira sein Debüt zwar unbeschadet, allerdings verlor Hertha gegen den FC Bayern nach einer sehenswerten Partie knapp mit 0:1 (0:1). „Kurz aber gut“, habe sich sein Comeback angefühlt, berichtete Khedira. „Wieder gebraucht zu werden, macht mich glücklich. Das Ergebnis natürlich nicht. Uns hat vor dem Tor leider die Kaltschnäuzigkeit gefehlt.“

Und wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn Dodi Lukebakio die erste Großchance in der dritten Minute verwandelt hätte. Doch der Belgier, von Vladimir Darida per Steckpass bedient, scheiterte in der 3. Minute an der Fußabwehr von Nationaltorhüter Manuel Neuer. Die frühe Führung hätte Hertha angesichts der von Dardai gewählten Taktik sicherlich in die Karten gespielt. Im Vergleich zu Labbadia lässt der disziplinliebende Ungar seine Spieler deutlich tiefer, und vor allem kompakter verteidigen.

Jarstein hält Elfmeter 

Weil Hertha dennoch mit Mut in die sich bietenden Umschaltmomente ging, entwickelte sich in der Anfangsphase ein offenes Duell. Nachdem Leroy Sané aus ähnlicher Position wie Lukebakio an Herthas Torwart Rune Jarstein scheiterte (5.), brachte der für Alexander Schwolow ins Tor zurückgekehrte Norweger Robert Lewandowski im Strafraum zu Fall (10). Doch Jarstein bügelte seinen Fehler wieder aus, indem er den weder unplatziert noch zu lasch geschossenen Elfmeter des Polen aus der rechten unteren Ecke fischte.

Weil Herthas Krzysztof Piątek im direkten Gegenzug bereits zu seiner zweiten guten Schusschance kam, kritisierte Thomas Müller, aufgrund seiner Redseligkeit auf dem Platz auch „Radio Müller“ genannt, seine Kollegen: „Zu viel Chaos, Männer“. Kingsley Coman hörte zu und kam mit einer einfachen Körperdrehung am linken Eck des Sechzehners an Kapitän Niklas Stark vorbei, der den Schuss des Franzosen noch unhaltbar für Jarstein abfälschte – 0:1 (21.).

Radonjic setzt Ausrufezeichen

Ein Gegentor, das Dardai nicht schmeckte, aber bei seinen Spielern keine weitere Wirkung verursachte. Tatsächlich kamen die Berliner im Laufe der ersten Halbzeit trotz des zunehmenden Schneefalls, der den Rasen langsamer machte, immer wieder zügig vor das Tor der Bayern. Richtig gefährlich wurde es aber erst durch Lukebakios Freistoß von der Strafraumkante, den Neuer erst im Nachfassen entschärfte (45.). Auf der Gegenseite ließ Coman den zweiten Bayern-Treffer liegen, als er völlig frei weit über das Tor schoss (45.+2).

Um gegen den Triple-Sieger etwas Zählbares mitzunehmen, wusste Dardai, dass nicht nur seine Spieler ans Leistungslimit gehen mussten. Doch weil die Münchner gedanklich noch nicht in der katarischen Wüste waren, in der nächste Woche die Klub-WM stattfindet, und auch ihr Leistungstief hinter sich ließen, dominierte der Rekordmeister auch den zweiten Durchgang, ohne jedoch wirklich zwingend zu werden.

Dardai witterte Morgenluft und brachte Herthas zweiten Last-Minute-Zugang Nemanja Radonjic. Der serbische Außenbahnstürmer, bis zum Sommer von Olympique Marseille geliehen, traf nur Sekunden nach seiner Einwechslung zum vermeintlichen Ausgleich, allerdings stand Lukebakio zuvor im Abseits (63.). Doch der 24-Jährige deutete an, wie er Hertha in den kommenden Monaten helfen kann: Immer wieder brach er auf der linken Seite durch und setzte mit seinem Tempo Bayerns Abwehr gehörig unter Druck. Weil Matheus Cunha auch die größte Hertha-Chance der Partie vergab, nachdem er von der Mittellinie frei auf Neuer zugelaufen war, den Ball aber am Tor vorbeilupfte, bleibt Hertha auch im zweiten Spiel unter Dardai punktlos. Khedira schöpft dennoch Hoffnung: „Wenn wir so arbeiten, so spielen, werden wir die nächsten Wochen punkten.“