Sinsheim/Berlin - Dass es nicht der ganz große Rahmen werden würde, war pandemiebedingt bereits vor dem letzten Spieltag klar. Um Punkt 17 Uhr war es aber dann so weit. Sami Khedira wurde von Herthas Cheftrainer Pal Dardai in der Rhein-Neckar-Arena nach seinem 539. Profi-Einsatz ausgewechselt. Als der ehemalige Nationalspieler vom Feld ging, spendeten nicht nur die Kollegen Applaus. Auch die erstmal wieder zugelassenen 100 Zuschauer, allesamt Mitarbeiter der TSG Hoffenheim, erhoben sich von ihren Plätzen und zollten Khedira für seine beeindruckende Weltkarriere Respekt. Dabei ließen sich die Berliner eine nette Geste einfallen. Dardai, sein Trainerteam und viele Mitspieler trugen Khedira-Trikots seiner bisherigen Stationen. „Es war super emotional“, gab Khedira nach der späten 1:2-Niederlage bei der TSG zu. „Ich bin traurig, aber vor allem dankbar, dass ich heute nochmals spielen durfte, und für die Erlebnisse in den vergangenen Jahren.“

Sportlich war Khediras  knapp fünfmonatiges Wirken nach 15 kräftezehrenden Jahren auf höchstem Niveau überschaubar. Dafür wurden Dardai und auch Herthas Sportdirektor Arne Friedrich in den vergangenen Wochen nicht müde zu betonen, welchen Anteil Khedira am erst vergangenen Wochenende erreichten Klassenerhalt hatte. Mit seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung war der Schwabe eine wichtige Stütze und half mit, den bekanntlich nicht besonders ausgeprägten Teamgeist der Berliner in dieser Saison doch noch zu installieren.

Vladimir Darida trifft für Hertha BSC

Als Zeichen der Anerkennung durfte der Weltmeister von 2014 und Champions-League-Sieger mit Real Madrid Hertha BSC im Kraichgau als Kapitän anführen. Für Hertha halt es die durchaus beeindruckende Serie von zuletzt neun ungeschlagenen Spielen in die Sommerpause zu retten. Dafür mussten die Berliner ihr seltsames Phlegma überwinden, fremdelten sie doch in den vergangenen Jahren mit dem 34. Spieltag, an dem sie teils empfindliche Klatschen kassierten.

Zunächst sah es auch diesmal von Beginn an nicht danach aus, als würde sich daran etwas ändern. Die Gastgeber dominierten die Anfangsphase und kamen folgerichtig bereits in den ersten zehn Minuten zu drei guten Torchancen. Dardai, der nach der Corona-Quarantäne von Spiel zu Spiel fleißig rotierte, brachte gegen die TSG neben Khedira weitere fünf Neue im Vergleich zum 0:0 gegen den 1. FC Köln. Nach der stürmischen Anfangsphase der Hoffenheimer fand sich das Team, Hertha stand kompakter – und ging quasi mit der ersten richtigen Chance kurz vor der Pause in Führung. Vladimir Darida, von Marvin Plattenhardt bedient, köpfte völlig freistehend am Fünfmeterraum zum 1:0 ein (43.).

Sami Khedira will Trainer oder Sportdirektor werden

Direkt nach Wiederanpfiff hatte der Tscheche fast schon über seinen Doppelpack gejubelt. Von Santiago Ascacibar im Strafraum bedient traf Darida allerdings nur den Pfosten (48.). Im direkten Gegenzug erzielte dafür Sargis Adamyan für die TSG erst den Ausgleich, ehe nur eine Minute später Andrej Kramaric die Gastgeber fast in Führung gebracht hätte. Aber weil Peter Pekarik in seinem womöglich letzten Spiel als Herthaner das tat, was er seit 2012 immer für die Blau-Weißen tat, verteidigte der Slowake mit einer beherzten Grätsche erfolgreich das Hertha-Tor.

Kurz vor Khediras Auswechslung bediente der fleißige Darida den eingewechselten Daishawn Redan. Der 20 Jahre junge Niederländer verpasste sein Bundesliga-Premierentor in seinem siebten Saisoneinsatz nur knapp, scheiterte an TSG-Keeper Philipp Pentke.

Von der Tribüne musste Khedira dann mit ansehen, wie Kramaric in der Nachspielzeit zum 2:1-Endstand traf (90.+1) und damit Herthas Serie beendete. „Es waren nur fünf Monate bei Hertha, aber ich habe von Beginn an gemerkt, dass es gute Jungs sind“, sagte Khedira über die Trikot-Aktion seiner Mitspieler. Es sei viel über die Charakterschwäche der Mannschaft geschrieben worden, „aber ihr fehlte nur Führung. Dass sie ein großes Herz hat, hat man heute gesehen“.

Wie es für ihn weitergeht, ließ Khedira weiter offen. Dardais Angebot auch in der kommenden Saison als Standy-by-Profi dabeizubleiben, schlug er aus. „Meine Entscheidung steht. Ich brauche etwas Abstand. Dann werde wiederkommen und dem Fußball erhalten bleiben. Ob als Trainer oder Sportdirektor werde ich in Ruhe entscheiden.“